[2024] Ausgabe 8 jazzfest bonn das magazin zum [2026] Ausgabe 10 DER FAKTOR MENSCH Esperanza Spalding Die mit dem Boot tanzt Alsorhythmus! Deep Jazzing und Deep Learning Jan Garbarek Der Pfad der Reduktion Pantheon Echte Vibes vs. Convenience Culture Scofield I Abou-Khalil I Noah I Luft Gelassenheit vs. Dauererregung Esperanza Spalding
..,. Liebe Freund*innen des Jazzfest Bonn, Künstliche Intelligenz, Big Data, Plattformökonomie: Unsere Gesellschaft befindet sich mitten in einer tiefgreifenden Transformation. Was macht das mit uns Menschen? Mit der Musik? Und was bedeutet es heute, Mensch zu sein? „Der Faktor Mensch“ ist das Leitthema der zehnten Ausgabe unseres Festivalmagazins zettbe:, die Sie gerade in den Händen halten. Schon lange vor der aktuellen KI-Dynamik hat Streaming das Musikhören verändert: jederzeit abrufbar, auf stimmungsbasierte Playlists zugeschnitten und oft auf passiven Konsum optimiert. Bequemlichkeit erscheint da wichtiger als künstlerische Haltung oder ästhetische Vision. Die Verbindung von Plattformlogik und Künstlicher Intelligenz verheißt dabei wenig Gutes. Wo steht hier der Jazz? Dieser Frage gehen unsere Autor*innen nach: mit einem kritischen Blick auf die Bedingungen, unter denen Musik heute gemacht und gehört wird, auf Jazz als Erfahrungsraum für Resonanz und als Gegenpol zu mittelmäßiger, generischer Musik. Auch die Musiker*innen unseres Programms haben wir dazu befragt. Der Tenor ist eindeutig: Seid mutig. Jazz wird nicht verschwinden. Weil er echt ist. Menschlich. Mit Liebe, Schweiß und Tränen gemacht. Das lässt sich nicht faken, das gibt es nur live, in Echtzeit: improvisiert, unvorhersehbar, nicht reproduzierbar. Live bedeutet auch Begegnung und Nähe: bei Duo-Konzerten, in intimen Locations oder im Gespräch mit den Künstler*innen nach der Show. Unsere Konzerte sind nicht ‚nur‘ faszinierende Erlebnisse außergewöhnlicher Kreativität und spontaner Geistesblitze, sondern auch verbindende Ereignisse und Begegnungen von Mensch zu Mensch. Und Sie sind herzlich eingeladen, Teil davon zu sein. Ein Gedanke zum Schluss: Der Mensch war zu allen Zeiten mit großen Veränderungen konfrontiert. Die waren oft disruptiv und wurden mit Skepsis begrüßt. Doch fast immer haben sich Neugier und Entdeckergeist durchgesetzt und der Wunsch, etwas zu finden, das es so noch nie gab. Darin liegt für mich der Faktor Mensch. In diesem Sinne: Bleiben Sie neugierig! Auch beim Lesen von zettbe: – und vor allem beim Jazzfest Bonn 2026. Herzlich Ihr Peter Materna 3 2 Die Auslotung der Klänge Marlies Debacker So 26. April 19 Uhr Collegium Leoninum ., ¹ ... . ` ... ..,. ., ¹ ... . ` ... 6. >\>> � � . \> 3 Vorwort Peter Materna 4 The Human Touch Axel Grundhöfer 10 Jazz als Refugium der Resonanz Streaming, KI und Konzertgenuss: Wege aus der Enshittification Stephan Kunze 14 Einsamkeit als Klang der Präsenz Jan Garbareks Pfad der Reduktion – ein Portrait Dylan Cem Akalin 18 Allen Gottheiten geweiht Die Menschen hinter dem Pantheon Heinz Dietl 20 Sieben Gesichter, sieben Stimmen Wer im Pantheon auf der Bühne steht 24 Deep Jazzing Authentizität und Kreativität in einer technisierten Welt Ralf Dombrowski 28 „Wenn das Leben brutal ist, muss die Medizin stark sein“ Esperanza Spalding im Interview Fabian Junge 34 Big is Beautiful Die Kraft des Kollektivs: Bigbands beim Jazzfest Bonn Stephanie Grimm 38 „Gerade junge Frauen verbinden sich mit meiner Musik“ Fünf Fragen an Jazzmeia Horn Fabian Junge 40 East Side Stories Jazz als kollektives Gedächtnis: Günter Baby Sommer und Theresia Philipp Maxi Broecking 46 Gelassene Saiten Scofield, Abou-Khalil, Noah und Luft: Vier Wege zur eigenen Stimme Jan Paersch 50 Service, Impressum 51Wir sagen Danke! Unsere Sponsoren und Partner 52 Programm mit Kurzinfos 65 Jazznetz Bonn Freunde und Förderer des Jazzfest Bonn e.V. 66 Rätselhafter Jazz Quiz von Birgit Einert Was tönt denn da? Cello, Oud, Guembri oder Bukkehorn? Zugegeben: Das sind nicht gerade Instrumente, die man sofort mit Jazz verbindet. In dieser Infobox-Serie präsentieren wir außergewöhnliche Klangfarben, die den Jazz im 21. Jahrhundert lebendig machen. Jedes Instrument öffnet neue Räume für Imagination und Hören. Vorgestellt von Stefan Franzen. AUTHOR’S PICKS Unsere ______________ Autor*innen empfehlen: ____ Im ___ ganzen Heft ___ finden __ Sie __ Tipps zu _____________ Alben __________ und Konzerten, ________mit __ denen Sie___die ____ Jazzfest-BonnKünstler*innen ________ hörend entdecken ______________ können. Subjektiv, __________ persönlich, kuratiert.. __________________________________ Newsletter schon abonniert?
4 T HE THE Emotionale Intention Ein Jazzmusiker entscheidet in Echtzeit: Warum ein Ton gespielt wird, wie eine Phrase emotional geladen ist, wann man Spannung hält oder löst. KI kann Muster nachbilden, aber nicht absichtsvolle Emotion empfinden. ChatGPT auf die Frage: Fehlt nicht der „Human Factor“ bei künstlich generiertem Jazz? 5
HUMAN H U M A N H U M AN H Unsaubere Schönheit Der Charme des Jazz steckt im Mikro-Timing, das nicht perfekt ist, dem „Stretching“ rund um den Beat. In unvorhersehbaren Fehlern, die zu Ideen werden. KI tendiert zu statistischer Perfektion oder bewusst eingebauter „Unschärfe“. Das ist nicht dasselbe wie echte, spontane menschliche Imperfektion. ChatGPT auf die Frage: Fehlt nicht der „Human Factor“ bei künstlich generiertem Jazz? 7 6
9 8 TOUCH T O U C H T O U C H * www.grandviewresearch.com/industry-analysis/generative-ai-in-music-market-report Der Markt für generative KI im Musikbereich betrug 2023 etwa 440 Millionen USD. Prognose bis 2030: 2,8 Milliarden USD mit einer jährlichen Wachstumsrate von 30,4 Prozent. Quelle: Grand View Research*
11 Kyoto 1980: Der Sündenfall Kürzlich entdeckte ich einen Song, den ich tagelang auf Schleife hören musste: Das Stück Plastic Love von der japanischen Sängerin Mariya Takeuchi war bei seiner Veröffentlichung im Jahr 1984 nur mäßig erfolgreich, erfuhr jedoch Ende der Zehnerjahre eine Wiederauferstehung im Internet – und löste sogar ein Revival des City-Pop-Genres aus, einer japanischen Adaption westlicher Popmusik mit Einflüssen aus Disco, Funk und Smooth Jazz. Ich suchte nach mehr City Pop und wurde fündig: Dutzende Streaming-Playlisten warben mit schicken Fotos in Achtzigerjahre-Optik für ein entspanntes Hörerlebnis. Ich wählte die Liste Kyoto 1980 aus. Der erste Song: Nett, aber belanglos. Der zweite Song klang wie der erste, und der dritte wie der zweite. Oder lief immer noch der zweite? Die Stimme der Sängerin klang komisch – leicht unmenschlich, latent unheimlich, wie aus der Retorte. Auch der vierte Song glich den vorigen in Instrumentierung, Struktur und Stimmung so sehr, dass ich mir die Kommentare mal genauer ansah – und feststellen musste, dass ich einer Playlist mit KI-generierter Musik auf den Leim gegangen war. Das hier waren keine vergessenen japanischen Achtzigerjahre-Popsongs. Es war zeitgenössische Musik, gebastelt von einem Programm, das man mit sämtlichen jemals veröffentlichten CityPop-Songs als „Trainingsdaten” gefüttert hatte. Die KI-Flut ist in vollem Gange KI-Musik ist längst keine ferne Bedrohung mehr, sondern Realität. Dass wir das Problem nicht in vollem Ausmaß erkennen, mag daran liegen, dass 97 Prozent der Hörer*innen laut einer Studie aus dem November 2025 gar nicht in der Lage sind, KI-generierte von menschengemachter Musik zu unterscheiden. Der Streaming-Dienst Deezer, der diese Studie mit in Auftrag gegeben hatte, gab gleichzeitig bekannt, dass bereits jeden Tag 50.000 KI-Musikstücke auf die Plattformen hochgeladen werden, fünfmal so viele wie noch im Januar 2025. Ein Drittel aller neu hochgeladenen Stücke sind inzwischen vollständig KI-generiert. Wir ertrinken in billigem, von Automaten erschaffenem „Content”, den englischsprachige Medien „AI Slop” (etwa: „KIMüll”) getauft haben und der StreamingDienste und Social-Media-Plattformen mit nur einem einzigen Ziel überschwemmt: Aufmerksamkeit zu binden und damit finanzielle Erlöse mit möglichst wenig Aufwand zu erzielen. Das meiste davon ist nicht besonders gut – aber offenbar gut genug für einen nicht unwesentlichen Teil des Publikums. Auch ich habe immerhin knapp zehn Minuten lang Kyoto 1980 gehört. Die Entwertung der Musik Die Entwertung von Musik hat allerdings viel früher begonnen. Nämlich um die Jahrtausendwende, als sie plötzlich umsonst im Internet zu finden war – nicht mehr auf Vinyl-Schallplatte, CD oder Musik-Kassette, sondern als digitaler Datensatz. Musikpiraterie drohte die Musikindustrie zu zerstören, bis die Streaming-Dienste daherkamen und einen legalen Ausweg aufzeigten – so die massiv geschönte, wenn auch nicht komplett falsche Darstellung der Geschichte, die deren PR-Abteilungen gern lancieren. Die ganze Wahrheit ist komplexer. Streaming bot den Plattenfirmen tatsächlich eine kommerzielle Überlebenschance, doch die Auswirkungen auf die kulturelle Landschaft waren nicht nur positiv. Gerade die Hoffnung auf eine Demokratisierung des Musikmarktes löste sich nicht ein. Statt der alten Gatekeeper – Plattenfirmen, Radiosender und Musikredaktionen – gab es jetzt neue. Neben Playlist-Kurator*innen waren das vor allem die Algorithmen der StreamingDienste, die keiner versteht und niemand einsehen darf, und die trotzdem darüber entscheiden, dass ein bescheidener Hit von 1984 ein paar Jahrzehnte später plötzlich Aufrufe im zweistelligen Millionenbereich erzielt – und in der Folge sogar ein halbvergessenes Genre zum Trend in einer Generation macht, die 1984 noch lange nicht auf der Welt war. ➜ Musikjournalist und Buchautor Stephan Kunze hat selbst viele Jahre in der Musikredaktion eines globalen StreamingDienstes gearbeitet und denkt laut darüber nach, warum improvisierter Jazz, live gespielt von und vor Menschen aus Fleisch und Blut, heute einen Rückzugsort vor der Schwemme aus billigem, KIgenerierten „Content“ auf den digitalen Plattformen bieten kann. 10 und KI-gestützte Systeme produzieren immer mehr Inhalte, die wenig Aufmerksamkeit verlangen – und wenig zurückgeben. Jazz als Refugium der Resonanz Streaming, KI und Musikgenuss: Wege aus der Streaming-Dienste haben unseren Musikkonsum nachhaltig verändert: hin zur Bequemlichkeit, weg von jeglicher Reibung. Enshittification Plattformlogiken
AUTHOR’S PICKS Diese drei ________ Konzerte beim Jazzfest Bonn 2026 sollte man laut Stephan Kunze nicht verpassen: SHAI _________________________________ MAESTRO Der israelische Pianist, der mich spätestens mit seinem ecm-Debüt The Dream Thief (2018) überzeugt hat, erschafft mit seinem filmischen Jazz echte Bilderwelten im Kopf. MARLIES _____________________ DEBACKER Die junge belgische Pianistin arbeitet zwischen Komposition und Improvisation an der spannenden Schnittstelle zwischen zeitgenössischer Kammermusik und experimentellem Jazz. THERESIA ________________________ PHILIPP Die Kölner Saxophonistin verbindet in ihren Kompositionen Versatzstücke von Neuer Musik, Avant-Jazz und ostkirchlichen Liturgiegesängen, teilweise auch mit elektronischen Elementen. Das Erlebnis von Resonanz Jenseits der digitalen Verflachung unserer Kultur gibt es immer noch ein temporäres Refugium: Live-Musik – jedenfalls, wenn wir sie nicht als bloße Bühne zur Selbstdarstellung und -inszenierung auf Social Media, sondern als einzigartige Möglichkeit begreifen, eine achtsame Erfahrung im Moment zu machen. Auch bei Konzerten hat sich teilweise eine gewisse „Second Screen”-Mentalität eingeschlichen, doch berauben wir uns hiermit genau jener Gelegenheit, unsere unbestimmte Sehnsucht nach dem Echten zu stillen – nach dem, was Hartmut Rosa „Resonanz” nennt. In seiner Resonanztheorie verwendet Rosa diesen eigentlich naturwissenschaftlichen Begriff, um gelungene, erfüllte Beziehungen zwischen Mensch, Umwelt und Kultur zu bezeichnen. Ihm geht es darum, eine bestimmte Struktur der Interaktion zwischen sozialen Subjekten zu beschreiben – in unserem Fall zwischen Musiker*innen und Publikum. Eine Beziehung, die oft durch eine klare Trennung von Sender und Empfänger geprägt ist – doch für eine Resonanz ist eine gegenseitige Beeinflussung notwendig: Hier geht es nicht um schlichten Konsum, sondern um Austausch, ja: ums Einschwingen auf einer gemeinsamen „Resonanzachse“. Im Gegensatz zum Konsum von Hintergrund-Playlisten verlangt Jazz als eine Musik, deren Reiz vor allem auf Improvisation basiert – man spricht in der freien Szene auch von Echtzeitkomposition – sowohl von den Musiker*innen als auch vom Publikum ein gewisses Maß an Achtsamkeit. Ich vergleiche Jazz daher oft mit Meditation oder auch mit Skateboarding. Die besten Jazz-Konzerte meines Lebens waren Erlebnisse, bei denen Menschen miteinander einen Perspektivwechsel erlebten: Wir waren immer noch die gleichen, doch der Raum war danach ein anderer. Man kann das auf eine Resonanz zurückführen, doch ich würde sogar einen Schritt weiter gehen. Für mich waren diese Erfahrungen transzendent. Es gibt sie immer noch, jene außergewöhnlichen Konzertmomente, über die in einschlägigen Kreisen noch Monate später begeistert gesprochen und geschrieben wird. Sie entstehen, wenn Künstler*innen spontan aufeinander reagieren, ihre Gehirnwindungen dabei menschliche Emotionen und Erinnerungen in Bewegungen übersetzen und dadurch Töne und Akkorde ins Leben rufen, denen wiederum die Fähigkeit innewohnt, das Publikum – uns – wirklich anzurühren und anzurufen, mit uns zu schwingen. So entstehen Momente, an die wir uns noch lange danach erinnern und von denen wir noch Jahre später begeistert berichten werden. Vielleicht ja auf dem Jazzfest Bonn 2026? Gelegenheiten wird es zur Genüge geben. ❚ Stephan Kunze ist freier Musik- und Kulturjournalist. Von 2016 bis 2022 arbeitete er für Spotify, zunächst als Senior Music Editor, später als Global Editorial Lead. Zuletzt war er als redaktioneller Berater für die Global Classics & Jazz division der Universal Music Group tätig. Skandinavien ist das Reich der kuriosen BläserApparate – und das seit buchstäblich Tausenden von Jahren. Zu den ältesten archäologischen Musik-Funden Europas zählen die Luren aus der Bronzezeit, Kriegstrompeten aus Rinderhörnern. Unter den „gehörnten“ nordischen Utensilien ist mit dem Bukkehorn auch eines, das es aus der Sphäre der Schäfer überzeugend bis in den Jazz geschafft hat. Gefertigt wird es aus dem Horn des Ziegenbockschädels, der erst einmal im Boden vergraben oder stundenlang gekocht werden muss, damit es sich ablöst und man die gewünschten bis zu acht Grifflöcher hineinbohren kann. Der Aufwand lohnt sich: Das Bukkehorn bringt eine herrlich archaische, minimalistische und rau geschmirgelte Färbung sowohl in die tanzbaren als auch die balladesken Kompositionen des modernen Jazz – und es erinnert uns an eine ferne Vergangenheit. Zum Nachhören: Das Bukkehorn im Jazz I Eilif Gundersen: Bukkehorn-Hallingen I Karl Seglem: Einherjedansen I Hildegunn Øiseth: Time Is Coming Das Bukkehorn hören Sie bei Hildegunn Øiseth am 22. April im Pantheon. 13 Richtig ist, dass Streaming, Social Media und KI die Barrieren für den Markteintritt immer weiter gesenkt haben, was dazu führt, dass immer mehr Songs von immer mehr Künstler*innen veröffentlicht werden und auf den Plattformen um die Aufmerksamkeit des Publikums konkurrieren. Doch schon jetzt generieren 87 Prozent der Songs bei Spotify weniger als 1.000 Streams pro Jahr und damit seit April 2024 keinerlei Einnahmen mehr. Die Entscheidung, für diese 175,5 Millionen Musikstücke keine Lizenzgebühren mehr auszuzahlen, traf der Konzern übrigens einseitig. Demonetarisierung statt Demokratisierung. Was ist die Alternative zur Enshittification? Unabhängig davon, dass viele Künstler*innen die Nutzungsrechte an ihren Songs an große Labels abgegeben haben, können die Rechteinhaber*innen natürlich jederzeit entscheiden, ihre Musik nicht mehr auf den großen Plattformen anzubieten. Doch wer auf Streaming und Social Media nicht sichtbar und verfügbar ist, findet im aktuellen kulturellen Diskurs schlicht gar nicht mehr statt – so lautet jedenfalls die einhellige Sorge, wenn ich mit unabhängigen Künstler*innen und kleinen, unabhängigen Labels spreche. Die Journalistin Liz Pelly hat Anfang 2025 mit Mood Machine ein viel beachtetes Buch über die internen Mechanismen der Streaming-Konzerne veröffentlicht. Das Buch erzählt von geheimer Manipulation und von Benutzeroberflächen, die psychologische Erkenntnisse nutzen, um bewusst Inhalte zu bevorzugen, die den Geschäftsstrategien der Konzerne entsprechen – seien das stundenlange Laber-Podcasts oder Playlisten mit anonymer Gebrauchsmusik, die zu günstigen Raten von spezialisierten Produktionsagenturen eingekauft wird. Auf diese Entwicklung passt der Begriff „Enshittification”, den der Online-Aktivist und Autor Cory Doctorow prägte – eigentlich um die Entwicklung von Social Media zu beschreiben, doch er ist genauso auf Streaming-Dienste anwendbar. Laut Doctorows These durchläuft jede Internet-Plattform mehrere Wachstumsphasen: Zunächst macht sie sich für Nutzer*innen attraktiv, um eine kritische Masse zu erreichen. Dann ändert sie ihre Strategie und richtet ihre Bemühungen auf die werbetreibenden Firmenkunden. Schließlich schwenkt sie auf ihre eigenen Shareholder als einzig relevante Fokusgruppe um. Während dieser Skalierung und Profitmaximierung wird die Nutzungserfahrung auf der Plattform immer schlechter. Wir kennen diese Entwicklung bereits von Google, Facebook oder Amazon, doch die Enshittification hat auch auf Spotify, YouTube und TikTok längst begonnen. Fatal ist dabei, dass diese Prozesse schleichend ablaufen – und dass Menschen nun mal Bequemlichkeit schätzen. Doch auch wenn es bequem sein mag, eine Playlist mit KI-generierter Hintergrundmusik anzuwerfen, wenn man gestresst aus dem Büro nach Hause kommt, gilt unsere eigentliche Sehnsucht oft einer echten, authentischen Erfahrung. Wir könnten diese Sehnsucht befriedigen, indem wir bewusst eine Platte oder eine CD auflegen und für eine Dreiviertelstunde aktives Zuhören betreiben – der Musik mit voller Aufmerksamkeit folgen, sie auf uns wirken lassen. Stattdessen bringen wir das, was der Soziologe Hartmut Rosa die stetige „Beschleunigung der Gesellschaft” nennt, mit nach Hause. Beim Abendessen machen wir direkt weiter mit dem Multitasking, das unsere Büroalltage beherrscht, wenn wir eine belanglose Dinner-Jazz-Playlist auf Spotify laufen lassen und nebenbei E-Mails oder Social Media am Handy checken. 12 Was tönt denn da? Bukkehorn
K l a n g d e r Präsenz K l a n g d e r Präsenz 15 Musik als archaische Geste Das ist Teil des Garbarek-Konzepts: „Ich greife nicht bewusst auf Melodien aus der norwegischen Volksmusik zurück – obwohl es sich in vielen Stücken danach anhört, (…) kommt zwangsläufig das aus mir heraus, was ich einmal aufgesogen habe – allerdings in einer transformierten Weise“, sagt er im April 2006 der JazzZeitung. Norwegische Musik prägt also seine Klangsprache als innere Erinnerung. Die Folklore nutzt er als transformierte, intuitive Klangquelle. Das wird in späteren Aufnahmen auch mit Künstlern aus indischen oder arabischen Kulturen immer deutlicher. Kulturelle Herkunft wird zum Bestandteil einer durchlässigen, allgemeingültigen Ausdrucksform. Spiritualist wider Willen Jan Garbarek wurde 1947 in Mysen, Südnorwegen, nahe der schwedischen Grenze geboren. Sein Vater war ein polnischer Kriegsgefangener – ein biografischer Hintergrund, der möglicherweise zu Garbareks offener kultureller Perspektive beitrug. Mit 14 Jahren erhielt er sein erstes Saxophon, der Wunsch danach ausgelöst durch eine Radioübertragung von John Coltrane. Anders als sein großes Vorbild John Coltrane suchte Garbarek jedoch nie nach Transzendenz im emphatischen Sinn. Auch dort, wo er sich sakralen Räumen und religiösen Klangtraditionen zuwendet, interessiert ihn die Spiritualität eher nicht. In einem Interview erklärte er einmal, dass er gar nicht wisse, um was es in den Texten auf dem Album Officium gehe – jener Kollaboration mit dem Vokalquartett The Hilliard Ensemble, mit dem Garbarek weit über die Jazzwelt hinaus Millionen von Menschen erreichte. Die liturgischen Themen wie Lobpreis und Trauer mögen die Zuhörer*innen in der Seele berühren; Garbarek möchte indes die Präsenz einfangen und in einen Dialog treten, um die Erfahrung von Zeit, Raum und Vereinzelung herauszuschälen. Auch wenn Garbarek selbst kaum von Spiritualität spricht, Religion in seiner Welt keine Rolle spielt, so scheint das Mystische, das Rätselhafte der norwegischen Folklore, ebenso wie die Landschaft mit ihren zerklüfteten, unwirtlichen Strukturen, die im Herbst und Winter oft im Nebel verschwinden, in ihm eine Haltung der Ehrfurcht hervorzurufen – und zwar als Erfahrung der eigenen Relativität. Der Mensch tritt zurück vor der Erhabenheit der Natur. Entsprechend versteht Garbarek auch die Rolle des Jazzmusikers: als Individuum, das im Ensemble, im Gemeinsamen, Teil eines größeren Ganzen wird. „In der Tiefe unserer Seele sind wir alle einsam“ Die Einsamkeit in Garbareks Musik – oft vorschnell als nordische Schwermut romantisiert – verweist auf eine existentielle Erfahrung: das Wissen um die Vergänglichkeit des Einzelnen im Angesicht des Unendlichen. „In der Tiefe unserer Seele sind wir alle einsam“, sagte er 1992 der taz. Diese Einsamkeit beschreibt einen Zustand ungeteilter Aufmerksamkeit. Äußere Stimmen treten zurück, Wahrnehmung verdichtet sich. Für Garbarek wird sie zur Voraussetzung musikalischer Präzision. Sie ist Disziplin und Konzentration zugleich – die Bedingung dafür, dass ein einzelner Ton tragen kann. Radikaler Fokus auf Atem und Ton Was Jan Garbareks Musik von Beginn an auszeichnet, ist weniger eine bestimmte Harmonik oder Rhythmik als eine radikale Konzentration auf den Ton selbst. Sein Spiel ist atemzentriert, linear, von einer auffälligen Kontrolle über Ansatz und Artikulation geprägt. Der Atem ist bei Garbarek formgebendes Element. Lange Linien entstehen nicht aus Virtuosität, sondern aus Atemökonomie; Pausen sind keine Unterbrechungen, sondern Teil des Ausdrucks. „Jede Musik kommt aus der Stille, so wie jedes Bild aus der leeren Leinwand entsteht. Die Stille ist ein riesiges Reservoir. Sie ist das Schönste, was es gibt“, hat er im Februar 2005 dem Stern mal erklärt. Gerade auf dem Sopransaxophon – seinem charakteristischen Instrument – vermeidet Garbarek jede Form von Überartikulation. Der Ton ist schlank, oft leicht angeraut, selten vibratoreich. Er steht im Raum, ohne ihn zu füllen. Das hohe Register nutzt er zur Distanzierung: Der Klang rückt nach oben, wird heller. Nähe entsteht durch Präzision. ➜ Es gibt Platten, die einfach perfekt sind. Jede Nummer steht für sich und doch bilden sie eine Einheit, jedes Solo ist stimmig, Brüche erscheinen nur als bewusste Setzungen. Kein Ton wirkt beliebig. Witchi-Tai-To von Jan Garbarek mit dem Bobo Stenson Quartet ist ein solches Album. Der Eindruck, den diese Musik vor gut fünfzig Jahren bei mir hinterließ, ist bis heute präsent: der Sound, das Zusammenspiel, die Improvisationen, die Melodik. Die Faszination hält an. Das Album markiert bereits eine erste Verschiebung: Die Musik öffnet sich ritualhaften, repetitiven Strukturen, der Klang wird weiter, der Atem länger. Der starke Einfluss von John Coltrane ist noch fassbar. Der Titel verweist auf einen Peyote-Gesang der nordamerikanischen Ureinwohner und deutet an, was später zentral werden sollte: Musik als archaische Geste. Und bereits hier kündigt sich ein Grundmotiv an, das Garbareks Werk dauerhaft durchzieht: die Erfahrung von Einsamkeit, vielleicht auch angesichts der Grösse einer unendlichen Natur, die ihn in Norwegen stark geprägt hat. Witchi-Tai-To ist weit mehr als ein frühes Meisterwerk. Das Album markiert eine neue Stufe in Garbareks ästhetischer Entwicklung. Er folgt hier deutlich der Denkweise Don Cherrys, der in den Sechzigerjahren in Schweden lebte und Garbarek stark beeinflusste: Cherry begriff Musik nicht als Stil, sondern als Prozess; als durchlässigen Raum, in dem politische, folkloristische und spirituelle Energien koexistieren, ohne festgeschrieben zu werden. 14 s a m k e i t a l s K l a n g d e r Präsenz s a m k e i t a l s K l a n g d e r Präsenz E i n s a m k e i t a l s K l a n g d e r Präsenz Dylan Cem Akalin verfolgt Garbareks Entwicklung vom Aufbruch der frühen Jahre über nordische Klarheit, die klassische Phase bis hin zur kontemplativen Reduktion und zeigt, was die Beethovenhalle zum idealen Resonanzraum für seine Musik macht. Jan Garbarek gehört zu den prägendsten Stimmen des europäischen Jazz. Seine Musik besticht durch präzisen Ton, Atemkontrolle und eine unvergleichliche Präsenz.
Das Tenorsaxophon dagegen klingt bei Garbarek erdiger, dunkler, körperlicher – doch auch hier bleibt er zurückhaltend, vermeidet blueshafte Emphase oder traditionelles Swing-Vokabular. In beiden Fällen spricht das Instrument wie eine Stimme, die sich weigert, zu erklären. Diese Spielweise erklärt, warum Garbareks Musik oft als kühl oder distanziert wahrgenommen wird. Tatsächlich ist sie hochgradig kontrolliert – aber gerade diese Kontrolle ermöglicht eine besondere Form von Intensität. Ausdruck entsteht nicht durch Überwältigung, sondern durch Präsenz. Der einzelne Ton genügt, wenn er getragen ist. Fortschreitende Reduktion Chronologisch zeigt sich eine Entwicklung fortschreitender Reduktion: von den energetischen frühen Alben über die Weitung des Klangraums auf Dansere, Places und Wayfarer bis zur Konzentration späterer Werke. Spätestens mit Officium vollzieht Garbarek einen endgültigen Schritt aus dem Jazz heraus – oder besser: über ihn hinaus. Improvisation wird zur Reaktion, zum Lauschen, zum Kommentieren. Zeit verliert ihre lineare Funktion. In späteren Werken wie In Praise of Dreams oder Magico ist die Musik vollständig auf Essenz reduziert: wenige Stimmen, viel Raum, maximale Aufmerksamkeit. Diese Haltung zeigt sich auch live. Ich habe Jan Garbarek 1985 und 1988 in der Jazzgalerie Bonn erlebt, später beim Jazzfest Bonn und im Rahmen des Beethovenfestes: zurückhaltend, konzentriert, mit einer Präsenz, die erkennen ließ, dass seine Gedanken nur bei der Musik waren. Diese Ernsthaftigkeit ist keine Strenge, sondern Konsequenz. Sie entspricht seiner Musik, die keine Effekte duldet und keine Distanzlosigkeit erlaubt. Auch hier gilt: Nähe entsteht durch Genauigkeit. Das Publikum wird nicht abgeholt, sondern eingeladen, mitzuhören. Garbarek in der Beethovenhalle Dass Jan Garbarek das Jazzfest Bonn 2026 in der frisch sanierten Beethovenhalle eröffnen wird, ist mehr als eine programmatische Entscheidung. Es ist ein symbolischer Akt. Garbarek ist kein Musiker des Neuanfangs im spektakulären Sinn, sondern einer der Kontinuität. Die Rückkehr in einen erneuerten Raum passt zu seiner Musik, die die sich immer wieder verändert hat, ohne sich selbst zu verleugnen. Die Beethovenhalle – ein Ort der Konzentration, der akustischen Klarheit, der historischen Schwere – bildet einen idealen Resonanzraum für Garbareks Musik, in der es um zeitlose Dauer, um Konzeption geht. Dass Garbarek ein Festival eröffnet, das traditionell zwischen Jazz, improvisierter Musik und offenen Formen vermittelt, unterstreicht seine Rolle als Grenzgänger: nicht zwischen Genres, sondern zwischen Zuständen – Bewegung und Stillstand, Nähe und Distanz, Klang und Stille. All das ist präsent, all das macht seine Musik aus. Alles Weitere geschieht im Hören. ❚ Wir unterstützen ein vielfältiges Angebot an regionalen Kultur-, Musik- und Sportveranstaltungen. WIR IN BONN FÜR BONN 17 Dylan Cem Akalin ist seit 1980 journalistisch für verschiedene Medien tätig, seit 1990 als Redakteur beim General-Anzeiger Bonn. Zudem betreibt er den Musikblog jazzandrock.com. AUTHOR’S PICKS Mit Dylan Cem Akalins Alben-Tipps kann man Garbareks Pfad der Reduktion hörend nachvollziehen und einen genussvollen Abend verbringen. 1) AUFBRUCH _________________________ UND EMANZIPATION Garbarek erscheint als Teil einer JazzEmanzipation. Der Ton ist rau, kollektiv und suchend, geprägt von Free Jazz und modalen Konzepten. I Afric Pepperbird (1970) I Witchi-Tai-To (1974) 2) NORDISCHE ______ KONTUREN Hier formt sich der oft beschriebene nordische Klang: lange Linien, offene Räume, kühle Weite. Das Saxophon wird zum erzählerischen Zentrum, Klarheit ersetzt Expressivität. I Dansere (1975) I Places (1977) 3)DIE _______________________ KLASSISCHE PHASE _______________________________________________________ Diese Alben markieren ästhetische Reife. Transparenz, kammermusikalische Zurückhaltung und der Umgang mit Erinnerung prägen eine intime, zeitlose Musik. I Magico (1979) I Aftenland (1979) I Folk Songs (1981) 4) UNTERWEGSSEIN UND ____________________ Ö F F N U N G Garbarek wird zum Wanderer zwischen Kulturen. Der Ton ist rufend, zeremoniell, Nähe und Distanz bewusst austariert. I Wayfarer (1983) I Legend of the Seven Dreams (1988) 5)EINKEHR _______________________ UND KONTEMPLATION Das Saxophon agiert als klangliche Instanz im sakralen und kontemplativen Raum. Der Ton wird Resonanz, nicht mehr Aussage. I Officium (1994) I In Praise of Dreams (2004) Die Jan Garbarek Group feat. Trilok Gurtu spielt am Freitag, 17. April, in der Beethovenhalle
18 19 Die Liebe der Künstler*innen zur bundesweit bedeutsamen Spielstätte in der Siegburger Straße geht indes nicht nur durch den Magen. Es ist das Gesamtkonzept, das den exzellenten Ruf ausmacht. Dabei spielen auch die baulichen Komponenten eine Rolle: „Viel Platz, keine Treppen“, bringt Harald Kirsch den Vorteil des Standorts auf den Punkt. Von Stadtgeschichten und Standortvorteilen Hintergrund: Das Gebäude der früheren Jutespinnerei, Baujahr 1868, ist seit 1981 im Besitz der Stadt Bonn, die hier lange Zeit als Theaterspielstätte die „Halle Beuel“ unterhielt. 2016 bezog das Pantheon das leerstehende Gebäude, nachdem das alte Domizil am Bundeskanzlerplatz abgerissen worden war. Das erste Pantheon residierte seit seiner Gründung im Oktober 1987 in Sichtweite des Bundeskanzleramtes und war ein Labyrinth mit vielen Dafür erklärt sich Harald zuständig, obwohl es nicht zu seinen zentralen Aufgaben gehört. Harald Kirsch, Jahrgang 1961, ist im Pantheon verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit – und ansonsten Mädchen für alles. So wirkt er etwa an der Programmplanung mit, zurzeit disponieren Kirsch und Pantheon-Chef Rainer Pause schon Künstler*innen fürs Jahr 2027. Musik geht durch den Magen Und jetzt steht Harald in der Küche, schneidet Paprika, Karotte und eine Zwiebel in Würfel, gibt Olivenöl in einen sehr großen Topf, brät die Grundzutaten an, fügt Bohnen, Sojagranulat, passierte Tomaten und Gemüsebrühe bei. Nicht zu vergessen: eine Tafel Zartbitterschokolade. „Das bringt den gewissen Pfiff“, sagt Harald. Von Haralds „Chili sin Carne“ und weiteren Rezepturen profitieren auch andere durchreisende Künstler*innen, einige bedanken sich sogar auf der Bühne ausdrücklich für die gute Verpflegung im Pantheon. pantheon [′panteon] allen Gottheiten geweiht Das Pantheon ist vor allem als Kabarett- und Comedy-Bühne bekannt. Immer wieder hören wir aber von Musiker*innen aus New York (also den Gött*innen im Jazz), atmosphärisch sei es hier fast wie in den heimischen Clubs. Wir finden: Egal ob Brooklyn oder Beuel, Hauptsache der Vibe stimmt. Heinz Dietl hat das Haus erkundet und blickt empathisch auf die Menschen, die dahinterstecken. „Wo ist Harald?“ – „In der Küche.“ – „Was macht er dort?“ – „Kochen.“ – „Und für wen?“ – „Für David Bowies Saxophonisten!“ Dialoge dieser Art sind durchaus vorstellbar im Pantheon. Denn wenn Donny McCaslin, der unter anderem auf Bowies letztem Album Blackstar Saxophon spielte, im April für ein Konzert beim Jazzfest Bonn im Beueler Kulturtempel aufschlägt, ist eines klar: Vor dem Auftritt gibt’s lecker Essen backstage in der Küche des Hauses. Treppen, engen Gängen und versteckten Garderoben. In der rechtsrheinischen Diaspora fand man eine neue Bleibe mit viel Beinfreiheit. In den Genuss der großzügigen Platzverhältnisse kommen Betreiber*innen, Publikum und Künstler*innen gleichermaßen. In der 1.100 Quadratmeter großen Fabrikhalle finden 435 Zuschauer Platz – mit bester Sicht auf die 170 Quadratmeter große Bühne. Hinter einem Vorhang versteckt sich noch eine „Pantheon Lounge“ für intime Veranstaltungen. Auch backstage zeigt sich das Pantheon großzügig. Fünf, sechs Räume dienen als Garderoben. Ein innenarchitektonisches Juwel stellt die Küche mit ihrer kleinen Galerie dar. Denn auch im Pantheon gilt, wie bei jeder gute Fete: Man trifft sich in der Küche. ➜ Save the vinyl! Harald Kirsch mit Lieblings-Platten
Mi 22.4. im Pantheon: Caris Hermes Eine Sache im Jazz, die keine KI ersetzen kann: Das Live-Erlebnis! Nirgendwo sonst spürt man die Emotionen, die durch Musik entstehen, so unmittelbar. Ein Erlebnis, das dich zum Jazz gebracht hat: Mein Vater, der jeden Tag drei Stunden Jazzsaxophon geübt hat. Hast du ein persönliches Ritual vor Konzerten? Ich nehme mir fünf Minuten ganz für mich, um danach fokussiert auf die Bühne zu gehen. Dein erstes Jazz-Album: Miles Davis: Kind of Blue. 20 Herausgekommen sind sieben sehr persönliche Einblicke: in eigene Geschichten, in das Unersetzliche und in das, was Jazz „echt“ macht. Was kann Jazz, was KI nicht kann? Und wer sind die Menschen, die ihn machen? Wir haben Musiker*innen, die beim Jazzfest Bonn 2026 im Pantheon auf der Bühne stehen, um kurze Antworten gebeten. Sieben Stimmen Do 23.4. im Pantheon: Rob Luft Jazz ist echt, weil … er meinen Emotionen Leben gibt und meine gesamte Weltsicht prägt. Eine Sache im Jazz, die keine KI ersetzen kann: Die Erfahrung, wenn eine Gruppe von Jazzmusiker*innen gemeinsam im Moment improvisiert: ungeschönt, mit allen Ecken und Kanten. Hast du ein persönliches Ritual vor Konzerten? In den kalten Monaten lege ich meine Hände vor dem Auftritt in eine große Schüssel mit heißem Wasser. Nichts ist schlimmer, als mit eiskalten Händen spielen zu müssen. Eine Sache, die dich zu deinem aktuellen Album inspiriert hat: Gustav Mahlers erste Symphonie live in der Tonhalle Zürich zu hören. Dein erstes Jazz-Album: John Coltrane Quartet: My Favorite Things. Ich habe die Platte als Teenager in einem Plattenladen in Brighton gekauft. Sie gehört bis heute zu meinen absoluten „Favorite Things“. Do 23.4. im Pantheon: David Helbock Jazz ist echt, weil … vieles in der Improvisation entsteht und manches davon unvollkommen ist. Unsere „Fehler“ sind das, was uns als Menschen und Musiker*innen ausmacht. Perfektion ist langweilig. Eine Sache im Jazz, die keine KI ersetzen kann: Kreative Live-Musik von fühlenden, schweißgebadeten Menschen auf der Bühne. Es ist wie beim Schach: Gegen den Computer hat der Mensch dort keine Chance mehr – aber zwei echten Menschen und Meistern schaut man viel lieber zu als einem Match „Mensch gegen Maschine“. Ein Erlebnis, das dich zum Jazz gebracht hat: Als mein Vater mich mit sechs Jahren zu einem Solokonzert von Michel Petrucciani mitgenommen hat. Hast du ein persönliches Ritual vor Konzerten? Ich habe mit fast jedem Projekt ein eigenes Ritual: Zen-Geschichten oder Witze erzählen, Liegestütze direkt vor dem Konzert. Früher habe ich immer eine Pianomütze getragen, aber das ist lange her. Eine Sache, die dich zu deinem aktuellen Album inspiriert hat: Julia Hofer, meine Duopartnerin! Sie hat mich schon bei der ersten Probe mit ihrer Energie und Spielfreude angesteckt. Dein erstes Jazz-Album: Keith Jarrett: Nude Ants. Ich liebe diese Musik schon immer. Erst später habe ich herausgefunden, dass meine Mutter dieses Album oft gehört hat, als sie mit mir schwanger war. Mehr als Kabarett: feste Adresse für Musik Das Pantheon organisiert rund 280 Veranstaltungen pro Jahr und aktiviert damit jährlich 100.000 Gäste. Im Mittelpunkt stehen Kabarett und Comedy, aber: Auf einen Anteil von rund 40 Prozent bringen es musikalische Veranstaltungen. Das war im alten Pantheon noch anders. Grund: die Treppen, die engen Gänge, durch die Instrumente und Verstärker geschleppt werden mussten. „Hier in Beuel haben wir eine Rolltorgarage, über die man schwere Teile bis auf die Bühne bringen kann“, so Kirsch. Der hohe Musikanteil im Jahresprogramm ist auffällig, aber kein Thema, über das man reden müsste. Die Zunahme hat sich über die Jahre organisch ergeben. Da wuchs zusammen, was zusammengehört. Neben dem Jazzfest Bonn ist das Pantheon auch feste Adresse für das Weltmusikfestival Over The Border und für Rock-, Pop- und A-cappella-Ensembles aller Couleur. Jazzclub-Atmosphäre in Beuel Dabei spielt neben der Infrastruktur auch die Atmosphäre eine Rolle. So wird dem Pantheon von Künstler*innen ein „New Yorker Jazzclub-Feeling“ bescheinigt. Nachvollziehbar? „Ich war noch nie in New York“, sagt Harald Kirsch, ganz ohne Augenzwinkern, „aber komischerweise hört man exakt diese Formulierung ständig vor allem von Jazzmusiker*innen.“ Beispiel? „Philip Lassiter sagte das beim Jazzfest 2023.“ Haralds Herz schlägt für den Jazz. Als Jugendlicher besuchte er oft das North Sea Festival in Den Haag, sah dort Miles Davis, Spyro Gyra oder die junge Candy Dulfer. Heute freut er sich, wenn alte und neue Held*innen des Jazz im Pantheon auftreten und dem Haus obendrein Komplimente machen. Was aber erzeugt die spezielle Atmosphäre? „Vielleicht ist es so, dass man an diesem Ort eine Geschichte fühlt, die hier geschrieben wurde, gerade geschrieben wird oder noch zu schreiben sein wird.“ Und weiter: „Es geht um das gewisse Licht, um Wärme, auch um Dunkelheit.“ Und um Backsteinwände? – „Um Backsteinwände auch. Und die Bar macht wahnsinnig viel aus. Sie ist einerseits Blickfang, andererseits das Signal: Hier trinke ich etwas! Die Bar ist die Analogie zum Jazzclub. Man lässt sich nieder und erzählt Geschichten, vor dem Konzert, nach dem Konzert.“ ➜ aus dem Pantheon 21
Fr 24.4. im Pantheon: Yumi Ito Jazz ist echt, weil … er im Moment entsteht. Eine Sache im Jazz, die keine KI ersetzen kann: Improvisation, Spontaneität und ehrliche Emotionen. Ein Erlebnis, das dich zum Jazz gebracht hat: Ella Fitzgerald und Louis Armstrong aus der CD-Sammlung meiner Eltern. Diese Musik begleitet mich bis heute und war der Grund, warum ich Jazz studiert habe. Hast du ein persönliches Ritual vor Konzerten? Zuerst mache ich mein stimmliches Warm-up – und kurz bevor es auf die Bühne geht: Lippenstift auftragen. Eine Sache, die dich zu deinem aktuellen Album inspiriert hat: Die Fantasie, wie das Leben auf einer einsamen Insel aussehen könnte. 22 23 So 3.5. im Pantheon: Wolfgang Muthspiel Jazz ist echt, weil … er nur gut wird, wenn man im Moment agiert und das Vorbereitete verlässt. Eine Sache im Jazz, die keine KI ersetzen kann: Die Interaktion zwischen den Musiker*innen. Sie ist der Kern der Musik und lässt sich nicht künstlich erzeugen. Ein Erlebnis, das dich zum Jazz gebracht hat: Das Improvisieren als Kind – lange bevor ich wusste, was Jazz ist. Hast du ein persönliches Ritual vor Konzerten? Einspielen in einem warmen Raum. Dann eine Strecke gehen und das Ideal meiner Spielhaltung abrufen. Eine Sache, die dich zu deinem aktuellen Album inspiriert hat: Die Erinnerung an meine Erfahrung im Streichquartett als Kind. Dein erstes Jazz-Album: Ein frühes und wichtiges war Kenny Wheeler: Gnu High. Fr 24.4. im Pantheon: Donny McCaslin Jazz ist echt, weil … er die Kunst der Kommunikation ist, des Zusammenspiels und des Unerwarteten. Eine Sache im Jazz, die keine KI ersetzen kann: Die Menschlichkeit des Geschichtenerzählens. Ein Erlebnis, das dich zum Jazz gebracht hat: Die Musik meines Vaters zu erleben, als ich ein Kind war. Einmal pro Woche saß ich stundenlang auf einem Stuhl direkt auf der Bühne und hörte seiner Band Warmth beim Spielen zu. Hast du ein persönliches Ritual vor Konzerten? Im Idealfall mache ich vor dem Auftritt Dehnübungen und meditiere kurz. Eine Sache, die dich zu deinem aktuellen Album inspiriert hat: Neil Youngs Album Le Noise. Dein erstes Jazz-Album: Ein Charlie-Parker-Livealbum aus Schweden. Den Titel weiß ich nicht mehr genau – ich glaube, es war ein Bootleg. So 3.5. im Pantheon: Kadri Voorand Jazz ist echt, weil … man wie in einem Gespräch nie vorhersagen kann, wie das Gegenüber reagiert. Wir improvisieren und antworten im Moment. Es ist die Magie, im Schöpferischen präsent zu sein. Eine Sache im Jazz, die keine KI ersetzen kann: Verbindung, Liebe und der Zugang zu einer inneren Quelle – zu dem, was tief in uns ist: der Seele. Ein Erlebnis, das dich zum Jazz gebracht hat: Als Kind habe ich zu archaischen Runenliedern und alten Tänzen aus Estland gesungen und improvisiert. So verband ich für mich die ältesten Geschichten mit den Gefühlen und Erzählungen von heute. Hast du ein persönliches Ritual vor Konzerten? Manchmal nehme ich mir einen Moment, um mich bewusst mit meinen Gedanken und Gefühlen zu verbinden – und mich dafür zu entscheiden, an Magie zu glauben. Eine Sache, die dich zu deinem aktuellen Album inspiriert hat: Wahre Geschichten aus dem Leben und die Idee, dass alle Gefühle schön sind. Dein erstes Jazz-Album: Charlie Haden & Pat Metheny: Beyond the Missouri Sky. Improvisation gehört dazu Über die Bar selbst lassen sich ebenfalls Geschichten erzählen. „In den oberen fünf Ablagen stehen Flaschen mit Fantasie-Etiketten und Farbstoffen, die einen Reflex erzeugen durch das Licht, das von hinten kommt“, erklärt Harald. „Vielen fällt beim Anblick der Bar die Kinnlade runter. Dann wird das Handy gezückt.“ Zweite Besonderheit: Auf der Karte stehen Klassiker, doch Mixer Andy bedient auch Sonderwünsche. „Sage ihm einfach, wie du dich fühlst, und Andy mixt dir was.“ Auch das ist Jazz. „Du musst, wie beim Jazz, offen sein, um improvisieren zu können, alles aufnehmen, um daraus etwas Neues zu machen.“ Harald Kirsch zieht Vergleiche zur Entstehungsgeschichte des Beueler Hauses. „Ja, diese Einrichtung ist improvisiert. Ursprünglich sollten wir hier komplett umbauen. Haben wir nicht.“ Man hätte durch Spielausfall keine Einnahmen generieren können. Also bezog man die Halle ohne große Renovierung. „Das neue Pantheon ist in zwei Monaten entstanden, die Bühne, die Theke, die Bar. Alles improvisiert. Das erzeugt eine Atmosphäre, die gut zum Jazz passt.“ ❚ Heinz Dietl arbeitet als Journalist in Bonn zu den Themen Kultur, Freizeit und Reise. Er hat sich früh auch für Jazz interessiert, regelmäßig über die Bonner Jazz-Szene berichtet – und bei den Jazztagen in Berlin den großartigen Miles Davis gesehen.
Etwas hat sich auf lange Sicht verändert. Das Ich ist ins Zentrum der Kultur getreten und hat das Wir als Orientierung abgelöst. Für Künstler*innen ist das eine brisante Verschiebung der Beurteilung ihrer Arbeit. Denn Kreativität hat sich vom sehr speziellen, der Romantik entlehnten Künstlermythos im Umkreis des Geniegedankens zum Standard der allgemeinen Selbstverwirklichung entwickelt. Sie hat damit nicht nur ihr Alleinstellungsmerkmal für Künstler*innen, sondern auch ihren gesellschaftlichen Schutzraum verloren. Das wiederum führt zu einer generellen Umwertung von Kreativität und Schaffenskraft. Sie wird zu einem konsumkapitalistischen Teilaspekt des Marktes, frei verfügbar, weil nichts Besonderes mehr. Sie ist Alltag des Optimierens auf der Suche nach der höchsten Intensität, nach der „peak experience“, aktiv formuliert nach der „peak performance“. „Selbstverwirklichung“, schreibt der Soziologe Andreas Reckwitz in seiner Studie Das Ende der Illusionen, „ist in der Kultur der Spätmoderne eng mit einem Ideal der Authentizität, des authentischen Lebens eines authentischen Ichs verknüpft. Authentizität bedeutet hier ‚echt‘ und ‚stimmig‘ im Sinne von: sich in dem, was man tut, möglichst ohne Kompromisse an seinem eigenen, ‚wahren‘ Selbst zu orientieren, also nicht ‚wie alle anderen‘ zu sein und ‚individuell‘ zu agieren“. Dieses Selbst ist allerdings keine feste Größe. Es muss daher ständig bestätigt werden. Dafür taugen keine Standards allgemeiner Vergleichbarkeit, sondern vor allem individuelle Werte in Form von positiven Emotionen. Sie sind flüchtig und orientiert an einem sich ständig verändernden persönlichen Status. Menschen von heute wollen vor allem anderen wertgeschätzt werden. Sie wollen gesehen werden, ständig und mit möglichst großer Reichweite. Das Zeitalter der Geschichten Warum der Blick der Theorie? Weil er sehr praktische Folgen hat. Künstler*innen machen heute nicht mehr nur Musik. Sie verkaufen Identitäten, Bestätigungen, Gefühle. Perfektion allein beeindruckt nur noch wenige, sie wird als Handwerk oder wenigstens als gute Simulation vorausgesetzt. Das alte Zeitalter der Virtuosen wurde mit der Alltäglichkeit des Internets abgelöst von der Ära des Storytellings. Das Besondere ist überall, die Geschichte macht den Unterschied. Und Höchstleistung erzeugt nicht mehr automatisch Wahrnehmung. Aufmerksamkeit wiederum will gelenkt, ein Publikum mit Geschichten gefesselt werden, die den Bedürfnissen nach Selbstverwirklichung entsprechen. Staunen allein genügt also kaum noch, Musik sollte darüber hinaus die einzelnen Biografien der Hörenden ansprechen. Und sie ist durch das Phänomen der Resonanz anderen Künsten gegenüber im Vorteil. Kein Ölbild schafft es, ein Stadion voller Menschen zum Singen zu bringen. Kein Roman lässt einen Club im Rhythmus tanzen. Musik hingegen kann Menschen rhythmisieren, synchronisieren. Der Schlagzeuger greift zu den Sticks, trommelt den Funk und die Halle tanzt. Eine Klaviermelodie erklingt, die Gespräche verstummen und alle im Saal schwelgen in gemeinsamen Gefühlen. Eine Stimme fängt an zu singen und Tränen füllen die Augen. Musik kann das. In der Resonanz überwindet sie die Schranke des Einzelnen und ermöglicht kollektives Erleben. Die Grenzen der Simulation Wie aber lässt sich Resonanz erreichen? Ist sie ein Zustand, ein Prozess, eine Emotion? Kann man sie greifen, begreifen, vielleicht sogar komponieren? Hier überschneiden sich Vermittlung und Produktion. Die traditionellen Methoden, zur Musik zu kommen, sind bekannt. Man kann sie lehren und lernen, üben und verfeinern. Die sogenannte Künstliche Intelligenz in der global digitalen Vermittlung spitzt darüber hinaus diese Ausgangslage derzeit zu. Mit großen Datenmengen trainierte Reaktionssysteme formulieren Wahrscheinlichkeiten, die wie Kunstwerke wirken. Je größer der Datensatz, desto höher ist die Trefferquote und die Simulation von Perfektion. Je mehr Musik also formalisiert und in Serverfarmen eingespeist wird, desto leichter lässt sich etwas imitieren, das scheint, als sei es menschlich generiert. Die Musikindustrie hat diese Tendenz zur Verallgemeinerung angehäufter Einzelfälle längst als Geschäftsmodell entdeckt. An realen Popsongs trainierte Algorithmen erstellen perfekte Simulationen von Popsongs, die wiederum StreamingPlattformen fluten (siehe Stephan Kunze in diesem Heft) und damit Datensätze schaffen, die Algorithmen trainieren. Menschen sind für den Arbeitsprozess dieser in sich selbst rotierenden Datenverarbeitung überflüssig. Man braucht sie nicht einmal mehr als reale Adressaten des Produkts, denn Klicks genügen der Statistik. ➜ 25 24 EI N KLEI NER I GEL MACHT MUSI K deep jazz i n g Ein Gespenst geht um und macht den Künstler*innen Angst. Es ist der Flaschengeist der Künstlichen Intelligenz, dessen Aladine behaupten, sie würde menschliche Kreativität bald überflüssig machen. Der Jazz hält dagegen. Und er hat gute Gründe, sich um seine Basis keine Sorgen machen zu müssen. Authentizität, Improvisation und Fantasie setzt der Jazz als genuin humane Fähigkeiten einer technisierten Welt entgegen. Live-Konzerte werden so zu Orten, an denen Geschichten und Biografien zu Momenten eines erfüllten Lebens verschmelzen. Ein essayistischer Rundblick von Ralf Dombrowski.
Wandelt man nachts über den Djemaa El Fna, den großen Marktplatz Marrakeschs, kann man dem wuchtigen BassSound der Guembri nicht entgehen. Die dreisaitige sogenannte „Binnenspießlaute“, die Verwandte von Mauretanien bis Mali hat, steht für den charakteristischen Klang Marokkos, und er ist mächtig genug, um böse Geister zu vertreiben. Beheimatet war sie ursprünglich in den Ritualen der Schwarzen Minderheit der Gnawa, die vor vermutlich 800 Jahren als Sklaven von jenseits der Sahara nach Nordafrika verschleppt wurden. Heute ist die Guembri längst im globalen Jazz angekommen: Beim Gnawa-Festival in Essaouira jammen die marokkanischen Meister bereits seit den Neunzigerjahren mit Jazzern wie Randy Weston, Joe Zawinul oder Ray Lema. Auch der österreichische Bassist und Leader der Band Shake Stew, Lukas Kranzlbinder, hat die Guembri für sich entdeckt – und komponierte über einem Riff auf der Laute ein fiebriges, tranceartiges Stück namens Grilling Crickets in a Straw Hut. Zum Nachhören: Die Guembri im Jazz I Night Spirit Masters/Bill Laswell: Baba L’Rouami I Majid Bekkas: Mrahba I Shake Stew: Grilling Crickets in a Straw Hut Pt.1 Die Guembri hören Sie bei Shake Stew am 30. April im Post Tower 27 26 Georges Bretegnier: GuembriSpieler; 1890 Improvisation als Perspektive Damit zurück zur Musik. Jazz hat im Vergleich mit anderen Kunstformen einen wichtigen Joker im Ärmel. Er hat die Improvisation als Grundlage und damit die Vielfalt der Geschichten quasi im Wurzelwerk. Er kann wiederum nur auf der Basis von Resonanz von einem isolierten Einzelphänomen zu einem kollektiven Prozess werden. Und nur zusammen mit gutem Storytelling vermittelt er sich einem Publikum, das kulturell mehr die Wahl hat als jemals zuvor. Das ist eine Chance und eine Perspektive, den Faktor Mensch gezielt einzusetzen. Und das Jazzfest Bonn hat viele Projekte und Künstler*innen eingeladen, die etwas erzählen wollen. Shake Stew zum Beispiel, eine Band wie ein Dampfhammer, die von Österreich aus stilistisch um die Welt zieht. Große Ensembles wie das Fuchsthone Orchestra oder das UMO Helsinki Jazz Orchestra, die zwischen Tradition und Klangfarbenorgien changieren. Viele Duos stehen im Programm, auch weil gerade die dialogische Form sich respektierender Partner*innen das gemeinsame Überschreiten von musikalischen Grenzen erleichtert. Stimmen des kulturoffenen Amerikas wie Esperanza Spalding, John Scofield oder Donny McCaslin sind dabei, verdiente Koryphäen wie Wolfgang Muthspiel, Jan Garbarek und Rabih Abou-Khalil ebenso wie neue Kräfte mit Yumi Ito, Lau Noah oder Caris Hermes. Was am Ende übrigbleibt Alle Musiker*innen bringen ihr Leben mit. Es sind Lebensentwürfe, Biografien, Gesellschaften, die in ihren Stücken zusammenlaufen. Sie bringen Menschen mit, nicht Statistiken, Erfahrungen, nicht Wahrscheinlichkeiten. Die wenigsten der Konzerte lassen eine Prognose zu, wie sie am Ende geklungen haben könnten. Wo die Maschine generalisiert, wird auf der Bühne diversifiziert. Oder anders: Statt gleich und erwartbar zu klingen, locken Staunen, Neugier, Überraschung. Es geht nicht um „Deep Learning“, sondern um „Deep Jazzing“. Und jedes Konzert ist eine Chance, aus dem herauszutreten, was das Smartphone in der Jackentasche als Konsumalternative anbietet. Denn gerade das Unvorhersehbare bestimmt den Faktor Mensch. Nimmt man also Abstand vom Hype der technischen Reproduzierbarkeit, dann laufen die großen gesellschaftlichen Prozesse wieder im Kleinen zusammen, in den einzelnen Persönlichkeiten auf der Bühne und im Publikum. Am Ende schließt übrigens auch Mihály Csíkszentmihályi seine umfassende Untersuchung zum Flow des Kreativen mit etwas ganz und gar Menschlichem: „Glück spielt eine entscheidende Rolle bei der ‚großen‘ Kreativität und bei der Entscheidung, wessen kleine Kreativität zur großen erklärt wird. Aber wenn Sie nicht lernen, in ihrem persönlichen Leben kreativ zu sein, tendieren Ihre Chancen, einen Beitrag zur Kultur zu leisten, noch weiter gegen Null. Und was letztlich wirklich zählt, ist nicht, ob Ihr Name an einer anerkannten Entdeckung klebt, sondern ob Sie ein erfülltes und kreatives Leben geführt haben“. Musik von und mit Menschen ist ganz nah dran, dabei helfen zu können. ❚ Allerdings sind Menschen die Voraussetzung für die Erstellung des Rohmaterials. Menschen kompilieren nicht, sie komponieren die Musik und sind in der Lage, Klangzusammenhänge zu schaffen, die über die Wiederverwendung des Vergangenen hinausreichen. Vorsichtige Entwarnung Maschinen entschlüpfte Kreativität ist daher bislang ein Mythos, der aus Geschäftsinteressen gehypt wird. Sie folgt auch in der Neukombination von Inhalten mit Hilfe von „Deep Learning“, also von sich selbst korrigierenden Systemen, einem Regelkreis größtmöglicher Wahrscheinlichkeiten. Das Bekannte der Daten bestimmt das Behauptete. Mit Kreativität hat das wenig zu tun. Der Flowforscher Mihály Csíkszentmihályi hat bereits 1996 in seinem Buch Flow und Kreativität das divergierende Denken als Urgrund der Schaffenskraft ausgemacht und gab damals seinen Leser*innen die Ratschläge: „Produzieren Sie so viele Ideen wie möglich. Entwickeln Sie möglichst viele unterschiedliche Ideen. Versuchen Sie, ausgefallene Ideen zu produzieren“. Der Weg des Kreativen ist eine Missachtung des Wahrscheinlichen. Die aber lässt sich nicht berechnen. Entwarnung also für Künstler*innen. Der Faktor Mensch bleibt bislang das Wesentliche im kreativen Prozess. Was sich derzeit auch mit Blick auf die allgemeine Selbstverwirklichung wandelt, sind Selbstbild und Arbeitsweise von Künstler*innen. „Das Interessante an der Kreativität wird nicht obsolet durch KI“, konstatierte der Kognitionswissenschaftler Joscha Bach im Interview mit dem Magazin Brand Eins. „Was überflüssig wird, ist das Reproduzierbare, das Handwerk. Und das finde ich gut. Es macht all jene kreativer, die dieses Handwerk kreativ einsetzen“. Aus dieser Perspektive verliert Künstliche Intelligenz das prinzipiell Dämonische. Sie ist weder Bedrohung noch Heilsbringer, sondern ein Werkzeug, das zur Förderung der eigenen Kreativität eingesetzt werden kann. Ralf Dombrowski, Journalist und Fotograf aus München, schreibt und berichtet seit 1994 regelmäßig über Jazz, Musik und Kultur für zahlreiche Medien wie die Süddeutsche Zeitung, Jazz thing, das Münchner Feuilleton, den Bayerischen und den Westdeutschen Rundfunk. Was tönt denn da? Guembri AUTHOR’S PICKS Diese drei Konzerte beim Jazzfest Bonn 2026 sollte man laut Ralf Dombrowski nicht verpassen: D AV I D ________ H E L B O C K &JULIA HOFER Ein lakonisch wilder Pianist und eine verspielt virtuose Bassistin. Das ist eine Kombination, die vor melodischrhythmischer Gemeinsamkeit und humorvollem Esprit nur so sprüht. KADRI VOORAND ––––––––––– & MIHKEL MÄLGAND In Estland sind sie Stars. Hier hat man die Chance, eines der unterhaltsamsten Duos zwischen Folkjazz und Pop-Sophistication noch zu entdecken. ESPERANZA __________ SPALDING Eine der seltenen Gelegenheiten, die fantastische Bassistin und Sängerin im Trio live zu erleben. Sie ist ein Blick in die Zukunft, auf einen Jazz, der auf das große Ganze von Tradition und Verantwortung schaut.
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