11 Kyoto 1980: Der Sündenfall Kürzlich entdeckte ich einen Song, den ich tagelang auf Schleife hören musste: Das Stück Plastic Love von der japanischen Sängerin Mariya Takeuchi war bei seiner Veröffentlichung im Jahr 1984 nur mäßig erfolgreich, erfuhr jedoch Ende der Zehnerjahre eine Wiederauferstehung im Internet – und löste sogar ein Revival des City-Pop-Genres aus, einer japanischen Adaption westlicher Popmusik mit Einflüssen aus Disco, Funk und Smooth Jazz. Ich suchte nach mehr City Pop und wurde fündig: Dutzende Streaming-Playlisten warben mit schicken Fotos in Achtzigerjahre-Optik für ein entspanntes Hörerlebnis. Ich wählte die Liste Kyoto 1980 aus. Der erste Song: Nett, aber belanglos. Der zweite Song klang wie der erste, und der dritte wie der zweite. Oder lief immer noch der zweite? Die Stimme der Sängerin klang komisch – leicht unmenschlich, latent unheimlich, wie aus der Retorte. Auch der vierte Song glich den vorigen in Instrumentierung, Struktur und Stimmung so sehr, dass ich mir die Kommentare mal genauer ansah – und feststellen musste, dass ich einer Playlist mit KI-generierter Musik auf den Leim gegangen war. Das hier waren keine vergessenen japanischen Achtzigerjahre-Popsongs. Es war zeitgenössische Musik, gebastelt von einem Programm, das man mit sämtlichen jemals veröffentlichten CityPop-Songs als „Trainingsdaten” gefüttert hatte. Die KI-Flut ist in vollem Gange KI-Musik ist längst keine ferne Bedrohung mehr, sondern Realität. Dass wir das Problem nicht in vollem Ausmaß erkennen, mag daran liegen, dass 97 Prozent der Hörer*innen laut einer Studie aus dem November 2025 gar nicht in der Lage sind, KI-generierte von menschengemachter Musik zu unterscheiden. Der Streaming-Dienst Deezer, der diese Studie mit in Auftrag gegeben hatte, gab gleichzeitig bekannt, dass bereits jeden Tag 50.000 KI-Musikstücke auf die Plattformen hochgeladen werden, fünfmal so viele wie noch im Januar 2025. Ein Drittel aller neu hochgeladenen Stücke sind inzwischen vollständig KI-generiert. Wir ertrinken in billigem, von Automaten erschaffenem „Content”, den englischsprachige Medien „AI Slop” (etwa: „KIMüll”) getauft haben und der StreamingDienste und Social-Media-Plattformen mit nur einem einzigen Ziel überschwemmt: Aufmerksamkeit zu binden und damit finanzielle Erlöse mit möglichst wenig Aufwand zu erzielen. Das meiste davon ist nicht besonders gut – aber offenbar gut genug für einen nicht unwesentlichen Teil des Publikums. Auch ich habe immerhin knapp zehn Minuten lang Kyoto 1980 gehört. Die Entwertung der Musik Die Entwertung von Musik hat allerdings viel früher begonnen. Nämlich um die Jahrtausendwende, als sie plötzlich umsonst im Internet zu finden war – nicht mehr auf Vinyl-Schallplatte, CD oder Musik-Kassette, sondern als digitaler Datensatz. Musikpiraterie drohte die Musikindustrie zu zerstören, bis die Streaming-Dienste daherkamen und einen legalen Ausweg aufzeigten – so die massiv geschönte, wenn auch nicht komplett falsche Darstellung der Geschichte, die deren PR-Abteilungen gern lancieren. Die ganze Wahrheit ist komplexer. Streaming bot den Plattenfirmen tatsächlich eine kommerzielle Überlebenschance, doch die Auswirkungen auf die kulturelle Landschaft waren nicht nur positiv. Gerade die Hoffnung auf eine Demokratisierung des Musikmarktes löste sich nicht ein. Statt der alten Gatekeeper – Plattenfirmen, Radiosender und Musikredaktionen – gab es jetzt neue. Neben Playlist-Kurator*innen waren das vor allem die Algorithmen der StreamingDienste, die keiner versteht und niemand einsehen darf, und die trotzdem darüber entscheiden, dass ein bescheidener Hit von 1984 ein paar Jahrzehnte später plötzlich Aufrufe im zweistelligen Millionenbereich erzielt – und in der Folge sogar ein halbvergessenes Genre zum Trend in einer Generation macht, die 1984 noch lange nicht auf der Welt war. ➜ Musikjournalist und Buchautor Stephan Kunze hat selbst viele Jahre in der Musikredaktion eines globalen StreamingDienstes gearbeitet und denkt laut darüber nach, warum improvisierter Jazz, live gespielt von und vor Menschen aus Fleisch und Blut, heute einen Rückzugsort vor der Schwemme aus billigem, KIgenerierten „Content“ auf den digitalen Plattformen bieten kann. 10 und KI-gestützte Systeme produzieren immer mehr Inhalte, die wenig Aufmerksamkeit verlangen – und wenig zurückgeben. Jazz als Refugium der Resonanz Streaming, KI und Musikgenuss: Wege aus der Streaming-Dienste haben unseren Musikkonsum nachhaltig verändert: hin zur Bequemlichkeit, weg von jeglicher Reibung. Enshittification Plattformlogiken
RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ2Nzg=