AUTHOR’S PICKS Diese drei ________ Konzerte beim Jazzfest Bonn 2026 sollte man laut Stephan Kunze nicht verpassen: SHAI _________________________________ MAESTRO Der israelische Pianist, der mich spätestens mit seinem ecm-Debüt The Dream Thief (2018) überzeugt hat, erschafft mit seinem filmischen Jazz echte Bilderwelten im Kopf. MARLIES _____________________ DEBACKER Die junge belgische Pianistin arbeitet zwischen Komposition und Improvisation an der spannenden Schnittstelle zwischen zeitgenössischer Kammermusik und experimentellem Jazz. THERESIA ________________________ PHILIPP Die Kölner Saxophonistin verbindet in ihren Kompositionen Versatzstücke von Neuer Musik, Avant-Jazz und ostkirchlichen Liturgiegesängen, teilweise auch mit elektronischen Elementen. Das Erlebnis von Resonanz Jenseits der digitalen Verflachung unserer Kultur gibt es immer noch ein temporäres Refugium: Live-Musik – jedenfalls, wenn wir sie nicht als bloße Bühne zur Selbstdarstellung und -inszenierung auf Social Media, sondern als einzigartige Möglichkeit begreifen, eine achtsame Erfahrung im Moment zu machen. Auch bei Konzerten hat sich teilweise eine gewisse „Second Screen”-Mentalität eingeschlichen, doch berauben wir uns hiermit genau jener Gelegenheit, unsere unbestimmte Sehnsucht nach dem Echten zu stillen – nach dem, was Hartmut Rosa „Resonanz” nennt. In seiner Resonanztheorie verwendet Rosa diesen eigentlich naturwissenschaftlichen Begriff, um gelungene, erfüllte Beziehungen zwischen Mensch, Umwelt und Kultur zu bezeichnen. Ihm geht es darum, eine bestimmte Struktur der Interaktion zwischen sozialen Subjekten zu beschreiben – in unserem Fall zwischen Musiker*innen und Publikum. Eine Beziehung, die oft durch eine klare Trennung von Sender und Empfänger geprägt ist – doch für eine Resonanz ist eine gegenseitige Beeinflussung notwendig: Hier geht es nicht um schlichten Konsum, sondern um Austausch, ja: ums Einschwingen auf einer gemeinsamen „Resonanzachse“. Im Gegensatz zum Konsum von Hintergrund-Playlisten verlangt Jazz als eine Musik, deren Reiz vor allem auf Improvisation basiert – man spricht in der freien Szene auch von Echtzeitkomposition – sowohl von den Musiker*innen als auch vom Publikum ein gewisses Maß an Achtsamkeit. Ich vergleiche Jazz daher oft mit Meditation oder auch mit Skateboarding. Die besten Jazz-Konzerte meines Lebens waren Erlebnisse, bei denen Menschen miteinander einen Perspektivwechsel erlebten: Wir waren immer noch die gleichen, doch der Raum war danach ein anderer. Man kann das auf eine Resonanz zurückführen, doch ich würde sogar einen Schritt weiter gehen. Für mich waren diese Erfahrungen transzendent. Es gibt sie immer noch, jene außergewöhnlichen Konzertmomente, über die in einschlägigen Kreisen noch Monate später begeistert gesprochen und geschrieben wird. Sie entstehen, wenn Künstler*innen spontan aufeinander reagieren, ihre Gehirnwindungen dabei menschliche Emotionen und Erinnerungen in Bewegungen übersetzen und dadurch Töne und Akkorde ins Leben rufen, denen wiederum die Fähigkeit innewohnt, das Publikum – uns – wirklich anzurühren und anzurufen, mit uns zu schwingen. So entstehen Momente, an die wir uns noch lange danach erinnern und von denen wir noch Jahre später begeistert berichten werden. Vielleicht ja auf dem Jazzfest Bonn 2026? Gelegenheiten wird es zur Genüge geben. ❚ Stephan Kunze ist freier Musik- und Kulturjournalist. Von 2016 bis 2022 arbeitete er für Spotify, zunächst als Senior Music Editor, später als Global Editorial Lead. Zuletzt war er als redaktioneller Berater für die Global Classics & Jazz division der Universal Music Group tätig. Skandinavien ist das Reich der kuriosen BläserApparate – und das seit buchstäblich Tausenden von Jahren. Zu den ältesten archäologischen Musik-Funden Europas zählen die Luren aus der Bronzezeit, Kriegstrompeten aus Rinderhörnern. Unter den „gehörnten“ nordischen Utensilien ist mit dem Bukkehorn auch eines, das es aus der Sphäre der Schäfer überzeugend bis in den Jazz geschafft hat. Gefertigt wird es aus dem Horn des Ziegenbockschädels, der erst einmal im Boden vergraben oder stundenlang gekocht werden muss, damit es sich ablöst und man die gewünschten bis zu acht Grifflöcher hineinbohren kann. Der Aufwand lohnt sich: Das Bukkehorn bringt eine herrlich archaische, minimalistische und rau geschmirgelte Färbung sowohl in die tanzbaren als auch die balladesken Kompositionen des modernen Jazz – und es erinnert uns an eine ferne Vergangenheit. Zum Nachhören: Das Bukkehorn im Jazz I Eilif Gundersen: Bukkehorn-Hallingen I Karl Seglem: Einherjedansen I Hildegunn Øiseth: Time Is Coming Das Bukkehorn hören Sie bei Hildegunn Øiseth am 22. April im Pantheon. 13 Richtig ist, dass Streaming, Social Media und KI die Barrieren für den Markteintritt immer weiter gesenkt haben, was dazu führt, dass immer mehr Songs von immer mehr Künstler*innen veröffentlicht werden und auf den Plattformen um die Aufmerksamkeit des Publikums konkurrieren. Doch schon jetzt generieren 87 Prozent der Songs bei Spotify weniger als 1.000 Streams pro Jahr und damit seit April 2024 keinerlei Einnahmen mehr. Die Entscheidung, für diese 175,5 Millionen Musikstücke keine Lizenzgebühren mehr auszuzahlen, traf der Konzern übrigens einseitig. Demonetarisierung statt Demokratisierung. Was ist die Alternative zur Enshittification? Unabhängig davon, dass viele Künstler*innen die Nutzungsrechte an ihren Songs an große Labels abgegeben haben, können die Rechteinhaber*innen natürlich jederzeit entscheiden, ihre Musik nicht mehr auf den großen Plattformen anzubieten. Doch wer auf Streaming und Social Media nicht sichtbar und verfügbar ist, findet im aktuellen kulturellen Diskurs schlicht gar nicht mehr statt – so lautet jedenfalls die einhellige Sorge, wenn ich mit unabhängigen Künstler*innen und kleinen, unabhängigen Labels spreche. Die Journalistin Liz Pelly hat Anfang 2025 mit Mood Machine ein viel beachtetes Buch über die internen Mechanismen der Streaming-Konzerne veröffentlicht. Das Buch erzählt von geheimer Manipulation und von Benutzeroberflächen, die psychologische Erkenntnisse nutzen, um bewusst Inhalte zu bevorzugen, die den Geschäftsstrategien der Konzerne entsprechen – seien das stundenlange Laber-Podcasts oder Playlisten mit anonymer Gebrauchsmusik, die zu günstigen Raten von spezialisierten Produktionsagenturen eingekauft wird. Auf diese Entwicklung passt der Begriff „Enshittification”, den der Online-Aktivist und Autor Cory Doctorow prägte – eigentlich um die Entwicklung von Social Media zu beschreiben, doch er ist genauso auf Streaming-Dienste anwendbar. Laut Doctorows These durchläuft jede Internet-Plattform mehrere Wachstumsphasen: Zunächst macht sie sich für Nutzer*innen attraktiv, um eine kritische Masse zu erreichen. Dann ändert sie ihre Strategie und richtet ihre Bemühungen auf die werbetreibenden Firmenkunden. Schließlich schwenkt sie auf ihre eigenen Shareholder als einzig relevante Fokusgruppe um. Während dieser Skalierung und Profitmaximierung wird die Nutzungserfahrung auf der Plattform immer schlechter. Wir kennen diese Entwicklung bereits von Google, Facebook oder Amazon, doch die Enshittification hat auch auf Spotify, YouTube und TikTok längst begonnen. Fatal ist dabei, dass diese Prozesse schleichend ablaufen – und dass Menschen nun mal Bequemlichkeit schätzen. Doch auch wenn es bequem sein mag, eine Playlist mit KI-generierter Hintergrundmusik anzuwerfen, wenn man gestresst aus dem Büro nach Hause kommt, gilt unsere eigentliche Sehnsucht oft einer echten, authentischen Erfahrung. Wir könnten diese Sehnsucht befriedigen, indem wir bewusst eine Platte oder eine CD auflegen und für eine Dreiviertelstunde aktives Zuhören betreiben – der Musik mit voller Aufmerksamkeit folgen, sie auf uns wirken lassen. Stattdessen bringen wir das, was der Soziologe Hartmut Rosa die stetige „Beschleunigung der Gesellschaft” nennt, mit nach Hause. Beim Abendessen machen wir direkt weiter mit dem Multitasking, das unsere Büroalltage beherrscht, wenn wir eine belanglose Dinner-Jazz-Playlist auf Spotify laufen lassen und nebenbei E-Mails oder Social Media am Handy checken. 12 Was tönt denn da? Bukkehorn
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