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K l a n g d e r Präsenz K l a n g d e r Präsenz 15 Musik als archaische Geste Das ist Teil des Garbarek-Konzepts: „Ich greife nicht bewusst auf Melodien aus der norwegischen Volksmusik zurück – obwohl es sich in vielen Stücken danach anhört, (…) kommt zwangsläufig das aus mir heraus, was ich einmal aufgesogen habe – allerdings in einer transformierten Weise“, sagt er im April 2006 der JazzZeitung. Norwegische Musik prägt also seine Klangsprache als innere Erinnerung. Die Folklore nutzt er als transformierte, intuitive Klangquelle. Das wird in späteren Aufnahmen auch mit Künstlern aus indischen oder arabischen Kulturen immer deutlicher. Kulturelle Herkunft wird zum Bestandteil einer durchlässigen, allgemeingültigen Ausdrucksform. Spiritualist wider Willen Jan Garbarek wurde 1947 in Mysen, Südnorwegen, nahe der schwedischen Grenze geboren. Sein Vater war ein polnischer Kriegsgefangener – ein biografischer Hintergrund, der möglicherweise zu Garbareks offener kultureller Perspektive beitrug. Mit 14 Jahren erhielt er sein erstes Saxophon, der Wunsch danach ausgelöst durch eine Radioübertragung von John Coltrane. Anders als sein großes Vorbild John Coltrane suchte Garbarek jedoch nie nach Transzendenz im emphatischen Sinn. Auch dort, wo er sich sakralen Räumen und religiösen Klangtraditionen zuwendet, interessiert ihn die Spiritualität eher nicht. In einem Interview erklärte er einmal, dass er gar nicht wisse, um was es in den Texten auf dem Album Officium gehe – jener Kollaboration mit dem Vokalquartett The Hilliard Ensemble, mit dem Garbarek weit über die Jazzwelt hinaus Millionen von Menschen erreichte. Die liturgischen Themen wie Lobpreis und Trauer mögen die Zuhörer*innen in der Seele berühren; Garbarek möchte indes die Präsenz einfangen und in einen Dialog treten, um die Erfahrung von Zeit, Raum und Vereinzelung herauszuschälen. Auch wenn Garbarek selbst kaum von Spiritualität spricht, Religion in seiner Welt keine Rolle spielt, so scheint das Mystische, das Rätselhafte der norwegischen Folklore, ebenso wie die Landschaft mit ihren zerklüfteten, unwirtlichen Strukturen, die im Herbst und Winter oft im Nebel verschwinden, in ihm eine Haltung der Ehrfurcht hervorzurufen – und zwar als Erfahrung der eigenen Relativität. Der Mensch tritt zurück vor der Erhabenheit der Natur. Entsprechend versteht Garbarek auch die Rolle des Jazzmusikers: als Individuum, das im Ensemble, im Gemeinsamen, Teil eines größeren Ganzen wird. „In der Tiefe unserer Seele sind wir alle einsam“ Die Einsamkeit in Garbareks Musik – oft vorschnell als nordische Schwermut romantisiert – verweist auf eine existentielle Erfahrung: das Wissen um die Vergänglichkeit des Einzelnen im Angesicht des Unendlichen. „In der Tiefe unserer Seele sind wir alle einsam“, sagte er 1992 der taz. Diese Einsamkeit beschreibt einen Zustand ungeteilter Aufmerksamkeit. Äußere Stimmen treten zurück, Wahrnehmung verdichtet sich. Für Garbarek wird sie zur Voraussetzung musikalischer Präzision. Sie ist Disziplin und Konzentration zugleich – die Bedingung dafür, dass ein einzelner Ton tragen kann. Radikaler Fokus auf Atem und Ton Was Jan Garbareks Musik von Beginn an auszeichnet, ist weniger eine bestimmte Harmonik oder Rhythmik als eine radikale Konzentration auf den Ton selbst. Sein Spiel ist atemzentriert, linear, von einer auffälligen Kontrolle über Ansatz und Artikulation geprägt. Der Atem ist bei Garbarek formgebendes Element. Lange Linien entstehen nicht aus Virtuosität, sondern aus Atemökonomie; Pausen sind keine Unterbrechungen, sondern Teil des Ausdrucks. „Jede Musik kommt aus der Stille, so wie jedes Bild aus der leeren Leinwand entsteht. Die Stille ist ein riesiges Reservoir. Sie ist das Schönste, was es gibt“, hat er im Februar 2005 dem Stern mal erklärt. Gerade auf dem Sopransaxophon – seinem charakteristischen Instrument – vermeidet Garbarek jede Form von Überartikulation. Der Ton ist schlank, oft leicht angeraut, selten vibratoreich. Er steht im Raum, ohne ihn zu füllen. Das hohe Register nutzt er zur Distanzierung: Der Klang rückt nach oben, wird heller. Nähe entsteht durch Präzision. ➜ Es gibt Platten, die einfach perfekt sind. Jede Nummer steht für sich und doch bilden sie eine Einheit, jedes Solo ist stimmig, Brüche erscheinen nur als bewusste Setzungen. Kein Ton wirkt beliebig. Witchi-Tai-To von Jan Garbarek mit dem Bobo Stenson Quartet ist ein solches Album. Der Eindruck, den diese Musik vor gut fünfzig Jahren bei mir hinterließ, ist bis heute präsent: der Sound, das Zusammenspiel, die Improvisationen, die Melodik. Die Faszination hält an. Das Album markiert bereits eine erste Verschiebung: Die Musik öffnet sich ritualhaften, repetitiven Strukturen, der Klang wird weiter, der Atem länger. Der starke Einfluss von John Coltrane ist noch fassbar. Der Titel verweist auf einen Peyote-Gesang der nordamerikanischen Ureinwohner und deutet an, was später zentral werden sollte: Musik als archaische Geste. Und bereits hier kündigt sich ein Grundmotiv an, das Garbareks Werk dauerhaft durchzieht: die Erfahrung von Einsamkeit, vielleicht auch angesichts der Grösse einer unendlichen Natur, die ihn in Norwegen stark geprägt hat. Witchi-Tai-To ist weit mehr als ein frühes Meisterwerk. Das Album markiert eine neue Stufe in Garbareks ästhetischer Entwicklung. Er folgt hier deutlich der Denkweise Don Cherrys, der in den Sechzigerjahren in Schweden lebte und Garbarek stark beeinflusste: Cherry begriff Musik nicht als Stil, sondern als Prozess; als durchlässigen Raum, in dem politische, folkloristische und spirituelle Energien koexistieren, ohne festgeschrieben zu werden. 14 s a m k e i t a l s K l a n g d e r Präsenz s a m k e i t a l s K l a n g d e r Präsenz E i n s a m k e i t a l s K l a n g d e r Präsenz Dylan Cem Akalin verfolgt Garbareks Entwicklung vom Aufbruch der frühen Jahre über nordische Klarheit, die klassische Phase bis hin zur kontemplativen Reduktion und zeigt, was die Beethovenhalle zum idealen Resonanzraum für seine Musik macht. Jan Garbarek gehört zu den prägendsten Stimmen des europäischen Jazz. Seine Musik besticht durch präzisen Ton, Atemkontrolle und eine unvergleichliche Präsenz.

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