zettbe: das magazin zum jazzfest bonn 2026

Das Tenorsaxophon dagegen klingt bei Garbarek erdiger, dunkler, körperlicher – doch auch hier bleibt er zurückhaltend, vermeidet blueshafte Emphase oder traditionelles Swing-Vokabular. In beiden Fällen spricht das Instrument wie eine Stimme, die sich weigert, zu erklären. Diese Spielweise erklärt, warum Garbareks Musik oft als kühl oder distanziert wahrgenommen wird. Tatsächlich ist sie hochgradig kontrolliert – aber gerade diese Kontrolle ermöglicht eine besondere Form von Intensität. Ausdruck entsteht nicht durch Überwältigung, sondern durch Präsenz. Der einzelne Ton genügt, wenn er getragen ist. Fortschreitende Reduktion Chronologisch zeigt sich eine Entwicklung fortschreitender Reduktion: von den energetischen frühen Alben über die Weitung des Klangraums auf Dansere, Places und Wayfarer bis zur Konzentration späterer Werke. Spätestens mit Officium vollzieht Garbarek einen endgültigen Schritt aus dem Jazz heraus – oder besser: über ihn hinaus. Improvisation wird zur Reaktion, zum Lauschen, zum Kommentieren. Zeit verliert ihre lineare Funktion. In späteren Werken wie In Praise of Dreams oder Magico ist die Musik vollständig auf Essenz reduziert: wenige Stimmen, viel Raum, maximale Aufmerksamkeit. Diese Haltung zeigt sich auch live. Ich habe Jan Garbarek 1985 und 1988 in der Jazzgalerie Bonn erlebt, später beim Jazzfest Bonn und im Rahmen des Beethovenfestes: zurückhaltend, konzentriert, mit einer Präsenz, die erkennen ließ, dass seine Gedanken nur bei der Musik waren. Diese Ernsthaftigkeit ist keine Strenge, sondern Konsequenz. Sie entspricht seiner Musik, die keine Effekte duldet und keine Distanzlosigkeit erlaubt. Auch hier gilt: Nähe entsteht durch Genauigkeit. Das Publikum wird nicht abgeholt, sondern eingeladen, mitzuhören. Garbarek in der Beethovenhalle Dass Jan Garbarek das Jazzfest Bonn 2026 in der frisch sanierten Beethovenhalle eröffnen wird, ist mehr als eine programmatische Entscheidung. Es ist ein symbolischer Akt. Garbarek ist kein Musiker des Neuanfangs im spektakulären Sinn, sondern einer der Kontinuität. Die Rückkehr in einen erneuerten Raum passt zu seiner Musik, die die sich immer wieder verändert hat, ohne sich selbst zu verleugnen. Die Beethovenhalle – ein Ort der Konzentration, der akustischen Klarheit, der historischen Schwere – bildet einen idealen Resonanzraum für Garbareks Musik, in der es um zeitlose Dauer, um Konzeption geht. Dass Garbarek ein Festival eröffnet, das traditionell zwischen Jazz, improvisierter Musik und offenen Formen vermittelt, unterstreicht seine Rolle als Grenzgänger: nicht zwischen Genres, sondern zwischen Zuständen – Bewegung und Stillstand, Nähe und Distanz, Klang und Stille. All das ist präsent, all das macht seine Musik aus. Alles Weitere geschieht im Hören. ❚ Wir unterstützen ein vielfältiges Angebot an regionalen Kultur-, Musik- und Sportveranstaltungen. WIR IN BONN FÜR BONN 17 Dylan Cem Akalin ist seit 1980 journalistisch für verschiedene Medien tätig, seit 1990 als Redakteur beim General-Anzeiger Bonn. Zudem betreibt er den Musikblog jazzandrock.com. AUTHOR’S PICKS Mit Dylan Cem Akalins Alben-Tipps kann man Garbareks Pfad der Reduktion hörend nachvollziehen und einen genussvollen Abend verbringen. 1) AUFBRUCH _________________________ UND EMANZIPATION Garbarek erscheint als Teil einer JazzEmanzipation. Der Ton ist rau, kollektiv und suchend, geprägt von Free Jazz und modalen Konzepten. I Afric Pepperbird (1970) I Witchi-Tai-To (1974) 2) NORDISCHE ______ KONTUREN Hier formt sich der oft beschriebene nordische Klang: lange Linien, offene Räume, kühle Weite. Das Saxophon wird zum erzählerischen Zentrum, Klarheit ersetzt Expressivität. I Dansere (1975) I Places (1977) 3)DIE _______________________ KLASSISCHE PHASE _______________________________________________________ Diese Alben markieren ästhetische Reife. Transparenz, kammermusikalische Zurückhaltung und der Umgang mit Erinnerung prägen eine intime, zeitlose Musik. I Magico (1979) I Aftenland (1979) I Folk Songs (1981) 4) UNTERWEGSSEIN UND ____________________ Ö F F N U N G Garbarek wird zum Wanderer zwischen Kulturen. Der Ton ist rufend, zeremoniell, Nähe und Distanz bewusst austariert. I Wayfarer (1983) I Legend of the Seven Dreams (1988) 5)EINKEHR _______________________ UND KONTEMPLATION Das Saxophon agiert als klangliche Instanz im sakralen und kontemplativen Raum. Der Ton wird Resonanz, nicht mehr Aussage. I Officium (1994) I In Praise of Dreams (2004) Die Jan Garbarek Group feat. Trilok Gurtu spielt am Freitag, 17. April, in der Beethovenhalle

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