zettbe: das magazin zum jazzfest bonn 2026

Mi 22.4. im Pantheon: Caris Hermes Eine Sache im Jazz, die keine KI ersetzen kann: Das Live-Erlebnis! Nirgendwo sonst spürt man die Emotionen, die durch Musik entstehen, so unmittelbar. Ein Erlebnis, das dich zum Jazz gebracht hat: Mein Vater, der jeden Tag drei Stunden Jazzsaxophon geübt hat. Hast du ein persönliches Ritual vor Konzerten? Ich nehme mir fünf Minuten ganz für mich, um danach fokussiert auf die Bühne zu gehen. Dein erstes Jazz-Album: Miles Davis: Kind of Blue. 20 Herausgekommen sind sieben sehr persönliche Einblicke: in eigene Geschichten, in das Unersetzliche und in das, was Jazz „echt“ macht. Was kann Jazz, was KI nicht kann? Und wer sind die Menschen, die ihn machen? Wir haben Musiker*innen, die beim Jazzfest Bonn 2026 im Pantheon auf der Bühne stehen, um kurze Antworten gebeten. Sieben Stimmen Do 23.4. im Pantheon: Rob Luft Jazz ist echt, weil … er meinen Emotionen Leben gibt und meine gesamte Weltsicht prägt. Eine Sache im Jazz, die keine KI ersetzen kann: Die Erfahrung, wenn eine Gruppe von Jazzmusiker*innen gemeinsam im Moment improvisiert: ungeschönt, mit allen Ecken und Kanten. Hast du ein persönliches Ritual vor Konzerten? In den kalten Monaten lege ich meine Hände vor dem Auftritt in eine große Schüssel mit heißem Wasser. Nichts ist schlimmer, als mit eiskalten Händen spielen zu müssen. Eine Sache, die dich zu deinem aktuellen Album inspiriert hat: Gustav Mahlers erste Symphonie live in der Tonhalle Zürich zu hören. Dein erstes Jazz-Album: John Coltrane Quartet: My Favorite Things. Ich habe die Platte als Teenager in einem Plattenladen in Brighton gekauft. Sie gehört bis heute zu meinen absoluten „Favorite Things“. Do 23.4. im Pantheon: David Helbock Jazz ist echt, weil … vieles in der Improvisation entsteht und manches davon unvollkommen ist. Unsere „Fehler“ sind das, was uns als Menschen und Musiker*innen ausmacht. Perfektion ist langweilig. Eine Sache im Jazz, die keine KI ersetzen kann: Kreative Live-Musik von fühlenden, schweißgebadeten Menschen auf der Bühne. Es ist wie beim Schach: Gegen den Computer hat der Mensch dort keine Chance mehr – aber zwei echten Menschen und Meistern schaut man viel lieber zu als einem Match „Mensch gegen Maschine“. Ein Erlebnis, das dich zum Jazz gebracht hat: Als mein Vater mich mit sechs Jahren zu einem Solokonzert von Michel Petrucciani mitgenommen hat. Hast du ein persönliches Ritual vor Konzerten? Ich habe mit fast jedem Projekt ein eigenes Ritual: Zen-Geschichten oder Witze erzählen, Liegestütze direkt vor dem Konzert. Früher habe ich immer eine Pianomütze getragen, aber das ist lange her. Eine Sache, die dich zu deinem aktuellen Album inspiriert hat: Julia Hofer, meine Duopartnerin! Sie hat mich schon bei der ersten Probe mit ihrer Energie und Spielfreude angesteckt. Dein erstes Jazz-Album: Keith Jarrett: Nude Ants. Ich liebe diese Musik schon immer. Erst später habe ich herausgefunden, dass meine Mutter dieses Album oft gehört hat, als sie mit mir schwanger war. Mehr als Kabarett: feste Adresse für Musik Das Pantheon organisiert rund 280 Veranstaltungen pro Jahr und aktiviert damit jährlich 100.000 Gäste. Im Mittelpunkt stehen Kabarett und Comedy, aber: Auf einen Anteil von rund 40 Prozent bringen es musikalische Veranstaltungen. Das war im alten Pantheon noch anders. Grund: die Treppen, die engen Gänge, durch die Instrumente und Verstärker geschleppt werden mussten. „Hier in Beuel haben wir eine Rolltorgarage, über die man schwere Teile bis auf die Bühne bringen kann“, so Kirsch. Der hohe Musikanteil im Jahresprogramm ist auffällig, aber kein Thema, über das man reden müsste. Die Zunahme hat sich über die Jahre organisch ergeben. Da wuchs zusammen, was zusammengehört. Neben dem Jazzfest Bonn ist das Pantheon auch feste Adresse für das Weltmusikfestival Over The Border und für Rock-, Pop- und A-cappella-Ensembles aller Couleur. Jazzclub-Atmosphäre in Beuel Dabei spielt neben der Infrastruktur auch die Atmosphäre eine Rolle. So wird dem Pantheon von Künstler*innen ein „New Yorker Jazzclub-Feeling“ bescheinigt. Nachvollziehbar? „Ich war noch nie in New York“, sagt Harald Kirsch, ganz ohne Augenzwinkern, „aber komischerweise hört man exakt diese Formulierung ständig vor allem von Jazzmusiker*innen.“ Beispiel? „Philip Lassiter sagte das beim Jazzfest 2023.“ Haralds Herz schlägt für den Jazz. Als Jugendlicher besuchte er oft das North Sea Festival in Den Haag, sah dort Miles Davis, Spyro Gyra oder die junge Candy Dulfer. Heute freut er sich, wenn alte und neue Held*innen des Jazz im Pantheon auftreten und dem Haus obendrein Komplimente machen. Was aber erzeugt die spezielle Atmosphäre? „Vielleicht ist es so, dass man an diesem Ort eine Geschichte fühlt, die hier geschrieben wurde, gerade geschrieben wird oder noch zu schreiben sein wird.“ Und weiter: „Es geht um das gewisse Licht, um Wärme, auch um Dunkelheit.“ Und um Backsteinwände? – „Um Backsteinwände auch. Und die Bar macht wahnsinnig viel aus. Sie ist einerseits Blickfang, andererseits das Signal: Hier trinke ich etwas! Die Bar ist die Analogie zum Jazzclub. Man lässt sich nieder und erzählt Geschichten, vor dem Konzert, nach dem Konzert.“ ➜ aus dem Pantheon 21

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