Etwas hat sich auf lange Sicht verändert. Das Ich ist ins Zentrum der Kultur getreten und hat das Wir als Orientierung abgelöst. Für Künstler*innen ist das eine brisante Verschiebung der Beurteilung ihrer Arbeit. Denn Kreativität hat sich vom sehr speziellen, der Romantik entlehnten Künstlermythos im Umkreis des Geniegedankens zum Standard der allgemeinen Selbstverwirklichung entwickelt. Sie hat damit nicht nur ihr Alleinstellungsmerkmal für Künstler*innen, sondern auch ihren gesellschaftlichen Schutzraum verloren. Das wiederum führt zu einer generellen Umwertung von Kreativität und Schaffenskraft. Sie wird zu einem konsumkapitalistischen Teilaspekt des Marktes, frei verfügbar, weil nichts Besonderes mehr. Sie ist Alltag des Optimierens auf der Suche nach der höchsten Intensität, nach der „peak experience“, aktiv formuliert nach der „peak performance“. „Selbstverwirklichung“, schreibt der Soziologe Andreas Reckwitz in seiner Studie Das Ende der Illusionen, „ist in der Kultur der Spätmoderne eng mit einem Ideal der Authentizität, des authentischen Lebens eines authentischen Ichs verknüpft. Authentizität bedeutet hier ‚echt‘ und ‚stimmig‘ im Sinne von: sich in dem, was man tut, möglichst ohne Kompromisse an seinem eigenen, ‚wahren‘ Selbst zu orientieren, also nicht ‚wie alle anderen‘ zu sein und ‚individuell‘ zu agieren“. Dieses Selbst ist allerdings keine feste Größe. Es muss daher ständig bestätigt werden. Dafür taugen keine Standards allgemeiner Vergleichbarkeit, sondern vor allem individuelle Werte in Form von positiven Emotionen. Sie sind flüchtig und orientiert an einem sich ständig verändernden persönlichen Status. Menschen von heute wollen vor allem anderen wertgeschätzt werden. Sie wollen gesehen werden, ständig und mit möglichst großer Reichweite. Das Zeitalter der Geschichten Warum der Blick der Theorie? Weil er sehr praktische Folgen hat. Künstler*innen machen heute nicht mehr nur Musik. Sie verkaufen Identitäten, Bestätigungen, Gefühle. Perfektion allein beeindruckt nur noch wenige, sie wird als Handwerk oder wenigstens als gute Simulation vorausgesetzt. Das alte Zeitalter der Virtuosen wurde mit der Alltäglichkeit des Internets abgelöst von der Ära des Storytellings. Das Besondere ist überall, die Geschichte macht den Unterschied. Und Höchstleistung erzeugt nicht mehr automatisch Wahrnehmung. Aufmerksamkeit wiederum will gelenkt, ein Publikum mit Geschichten gefesselt werden, die den Bedürfnissen nach Selbstverwirklichung entsprechen. Staunen allein genügt also kaum noch, Musik sollte darüber hinaus die einzelnen Biografien der Hörenden ansprechen. Und sie ist durch das Phänomen der Resonanz anderen Künsten gegenüber im Vorteil. Kein Ölbild schafft es, ein Stadion voller Menschen zum Singen zu bringen. Kein Roman lässt einen Club im Rhythmus tanzen. Musik hingegen kann Menschen rhythmisieren, synchronisieren. Der Schlagzeuger greift zu den Sticks, trommelt den Funk und die Halle tanzt. Eine Klaviermelodie erklingt, die Gespräche verstummen und alle im Saal schwelgen in gemeinsamen Gefühlen. Eine Stimme fängt an zu singen und Tränen füllen die Augen. Musik kann das. In der Resonanz überwindet sie die Schranke des Einzelnen und ermöglicht kollektives Erleben. Die Grenzen der Simulation Wie aber lässt sich Resonanz erreichen? Ist sie ein Zustand, ein Prozess, eine Emotion? Kann man sie greifen, begreifen, vielleicht sogar komponieren? Hier überschneiden sich Vermittlung und Produktion. Die traditionellen Methoden, zur Musik zu kommen, sind bekannt. Man kann sie lehren und lernen, üben und verfeinern. Die sogenannte Künstliche Intelligenz in der global digitalen Vermittlung spitzt darüber hinaus diese Ausgangslage derzeit zu. Mit großen Datenmengen trainierte Reaktionssysteme formulieren Wahrscheinlichkeiten, die wie Kunstwerke wirken. Je größer der Datensatz, desto höher ist die Trefferquote und die Simulation von Perfektion. Je mehr Musik also formalisiert und in Serverfarmen eingespeist wird, desto leichter lässt sich etwas imitieren, das scheint, als sei es menschlich generiert. Die Musikindustrie hat diese Tendenz zur Verallgemeinerung angehäufter Einzelfälle längst als Geschäftsmodell entdeckt. An realen Popsongs trainierte Algorithmen erstellen perfekte Simulationen von Popsongs, die wiederum StreamingPlattformen fluten (siehe Stephan Kunze in diesem Heft) und damit Datensätze schaffen, die Algorithmen trainieren. Menschen sind für den Arbeitsprozess dieser in sich selbst rotierenden Datenverarbeitung überflüssig. Man braucht sie nicht einmal mehr als reale Adressaten des Produkts, denn Klicks genügen der Statistik. ➜ 25 24 EI N KLEI NER I GEL MACHT MUSI K deep jazz i n g Ein Gespenst geht um und macht den Künstler*innen Angst. Es ist der Flaschengeist der Künstlichen Intelligenz, dessen Aladine behaupten, sie würde menschliche Kreativität bald überflüssig machen. Der Jazz hält dagegen. Und er hat gute Gründe, sich um seine Basis keine Sorgen machen zu müssen. Authentizität, Improvisation und Fantasie setzt der Jazz als genuin humane Fähigkeiten einer technisierten Welt entgegen. Live-Konzerte werden so zu Orten, an denen Geschichten und Biografien zu Momenten eines erfüllten Lebens verschmelzen. Ein essayistischer Rundblick von Ralf Dombrowski.
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