Wandelt man nachts über den Djemaa El Fna, den großen Marktplatz Marrakeschs, kann man dem wuchtigen BassSound der Guembri nicht entgehen. Die dreisaitige sogenannte „Binnenspießlaute“, die Verwandte von Mauretanien bis Mali hat, steht für den charakteristischen Klang Marokkos, und er ist mächtig genug, um böse Geister zu vertreiben. Beheimatet war sie ursprünglich in den Ritualen der Schwarzen Minderheit der Gnawa, die vor vermutlich 800 Jahren als Sklaven von jenseits der Sahara nach Nordafrika verschleppt wurden. Heute ist die Guembri längst im globalen Jazz angekommen: Beim Gnawa-Festival in Essaouira jammen die marokkanischen Meister bereits seit den Neunzigerjahren mit Jazzern wie Randy Weston, Joe Zawinul oder Ray Lema. Auch der österreichische Bassist und Leader der Band Shake Stew, Lukas Kranzlbinder, hat die Guembri für sich entdeckt – und komponierte über einem Riff auf der Laute ein fiebriges, tranceartiges Stück namens Grilling Crickets in a Straw Hut. Zum Nachhören: Die Guembri im Jazz I Night Spirit Masters/Bill Laswell: Baba L’Rouami I Majid Bekkas: Mrahba I Shake Stew: Grilling Crickets in a Straw Hut Pt.1 Die Guembri hören Sie bei Shake Stew am 30. April im Post Tower 27 26 Georges Bretegnier: GuembriSpieler; 1890 Improvisation als Perspektive Damit zurück zur Musik. Jazz hat im Vergleich mit anderen Kunstformen einen wichtigen Joker im Ärmel. Er hat die Improvisation als Grundlage und damit die Vielfalt der Geschichten quasi im Wurzelwerk. Er kann wiederum nur auf der Basis von Resonanz von einem isolierten Einzelphänomen zu einem kollektiven Prozess werden. Und nur zusammen mit gutem Storytelling vermittelt er sich einem Publikum, das kulturell mehr die Wahl hat als jemals zuvor. Das ist eine Chance und eine Perspektive, den Faktor Mensch gezielt einzusetzen. Und das Jazzfest Bonn hat viele Projekte und Künstler*innen eingeladen, die etwas erzählen wollen. Shake Stew zum Beispiel, eine Band wie ein Dampfhammer, die von Österreich aus stilistisch um die Welt zieht. Große Ensembles wie das Fuchsthone Orchestra oder das UMO Helsinki Jazz Orchestra, die zwischen Tradition und Klangfarbenorgien changieren. Viele Duos stehen im Programm, auch weil gerade die dialogische Form sich respektierender Partner*innen das gemeinsame Überschreiten von musikalischen Grenzen erleichtert. Stimmen des kulturoffenen Amerikas wie Esperanza Spalding, John Scofield oder Donny McCaslin sind dabei, verdiente Koryphäen wie Wolfgang Muthspiel, Jan Garbarek und Rabih Abou-Khalil ebenso wie neue Kräfte mit Yumi Ito, Lau Noah oder Caris Hermes. Was am Ende übrigbleibt Alle Musiker*innen bringen ihr Leben mit. Es sind Lebensentwürfe, Biografien, Gesellschaften, die in ihren Stücken zusammenlaufen. Sie bringen Menschen mit, nicht Statistiken, Erfahrungen, nicht Wahrscheinlichkeiten. Die wenigsten der Konzerte lassen eine Prognose zu, wie sie am Ende geklungen haben könnten. Wo die Maschine generalisiert, wird auf der Bühne diversifiziert. Oder anders: Statt gleich und erwartbar zu klingen, locken Staunen, Neugier, Überraschung. Es geht nicht um „Deep Learning“, sondern um „Deep Jazzing“. Und jedes Konzert ist eine Chance, aus dem herauszutreten, was das Smartphone in der Jackentasche als Konsumalternative anbietet. Denn gerade das Unvorhersehbare bestimmt den Faktor Mensch. Nimmt man also Abstand vom Hype der technischen Reproduzierbarkeit, dann laufen die großen gesellschaftlichen Prozesse wieder im Kleinen zusammen, in den einzelnen Persönlichkeiten auf der Bühne und im Publikum. Am Ende schließt übrigens auch Mihály Csíkszentmihályi seine umfassende Untersuchung zum Flow des Kreativen mit etwas ganz und gar Menschlichem: „Glück spielt eine entscheidende Rolle bei der ‚großen‘ Kreativität und bei der Entscheidung, wessen kleine Kreativität zur großen erklärt wird. Aber wenn Sie nicht lernen, in ihrem persönlichen Leben kreativ zu sein, tendieren Ihre Chancen, einen Beitrag zur Kultur zu leisten, noch weiter gegen Null. Und was letztlich wirklich zählt, ist nicht, ob Ihr Name an einer anerkannten Entdeckung klebt, sondern ob Sie ein erfülltes und kreatives Leben geführt haben“. Musik von und mit Menschen ist ganz nah dran, dabei helfen zu können. ❚ Allerdings sind Menschen die Voraussetzung für die Erstellung des Rohmaterials. Menschen kompilieren nicht, sie komponieren die Musik und sind in der Lage, Klangzusammenhänge zu schaffen, die über die Wiederverwendung des Vergangenen hinausreichen. Vorsichtige Entwarnung Maschinen entschlüpfte Kreativität ist daher bislang ein Mythos, der aus Geschäftsinteressen gehypt wird. Sie folgt auch in der Neukombination von Inhalten mit Hilfe von „Deep Learning“, also von sich selbst korrigierenden Systemen, einem Regelkreis größtmöglicher Wahrscheinlichkeiten. Das Bekannte der Daten bestimmt das Behauptete. Mit Kreativität hat das wenig zu tun. Der Flowforscher Mihály Csíkszentmihályi hat bereits 1996 in seinem Buch Flow und Kreativität das divergierende Denken als Urgrund der Schaffenskraft ausgemacht und gab damals seinen Leser*innen die Ratschläge: „Produzieren Sie so viele Ideen wie möglich. Entwickeln Sie möglichst viele unterschiedliche Ideen. Versuchen Sie, ausgefallene Ideen zu produzieren“. Der Weg des Kreativen ist eine Missachtung des Wahrscheinlichen. Die aber lässt sich nicht berechnen. Entwarnung also für Künstler*innen. Der Faktor Mensch bleibt bislang das Wesentliche im kreativen Prozess. Was sich derzeit auch mit Blick auf die allgemeine Selbstverwirklichung wandelt, sind Selbstbild und Arbeitsweise von Künstler*innen. „Das Interessante an der Kreativität wird nicht obsolet durch KI“, konstatierte der Kognitionswissenschaftler Joscha Bach im Interview mit dem Magazin Brand Eins. „Was überflüssig wird, ist das Reproduzierbare, das Handwerk. Und das finde ich gut. Es macht all jene kreativer, die dieses Handwerk kreativ einsetzen“. Aus dieser Perspektive verliert Künstliche Intelligenz das prinzipiell Dämonische. Sie ist weder Bedrohung noch Heilsbringer, sondern ein Werkzeug, das zur Förderung der eigenen Kreativität eingesetzt werden kann. Ralf Dombrowski, Journalist und Fotograf aus München, schreibt und berichtet seit 1994 regelmäßig über Jazz, Musik und Kultur für zahlreiche Medien wie die Süddeutsche Zeitung, Jazz thing, das Münchner Feuilleton, den Bayerischen und den Westdeutschen Rundfunk. Was tönt denn da? Guembri AUTHOR’S PICKS Diese drei Konzerte beim Jazzfest Bonn 2026 sollte man laut Ralf Dombrowski nicht verpassen: D AV I D ________ H E L B O C K &JULIA HOFER Ein lakonisch wilder Pianist und eine verspielt virtuose Bassistin. Das ist eine Kombination, die vor melodischrhythmischer Gemeinsamkeit und humorvollem Esprit nur so sprüht. KADRI VOORAND ––––––––––– & MIHKEL MÄLGAND In Estland sind sie Stars. Hier hat man die Chance, eines der unterhaltsamsten Duos zwischen Folkjazz und Pop-Sophistication noch zu entdecken. ESPERANZA __________ SPALDING Eine der seltenen Gelegenheiten, die fantastische Bassistin und Sängerin im Trio live zu erleben. Sie ist ein Blick in die Zukunft, auf einen Jazz, der auf das große Ganze von Tradition und Verantwortung schaut.
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