33 34 unglaubliche medizinische und technische Hilfsmittel, und doch gibt es weiterhin Hebammen. Der Bedarf an diesem Beruf und an dem darin enthaltenen menschlichen Wissen ist nicht verschwunden. Worauf ich hinaus möchte, ist Folgendes: Das Bedürfnis nach Musiker*innen und musikalischem Können wird nicht verschwinden. Das Bedürfnis, Musik gemeinsam zu erleben, wird nicht verschwinden. Also habt Mut und seid euch bewusst, dass unsere Spezies in jeder Epoche neuen technologischen Herausforderungen begegnet und lernen muss, damit umzugehen. Andererseits wird unsere kreative Arbeit zurzeit regelrecht geerntet, um Künstliche Intelligenzen zu trainieren. Allen, die sich politisch engagieren, um unser geistiges Eigentum und den kleinen Ertrag zu schützen, den wir möglicherweise daraus erzielen, sage ich: Tut das! Und wenn ihr es nicht direkt tun könnt, unterstützt diejenigen, die diese Arbeit leisten. Beides zählt. Über Live-Musik und Präsenz Live-Konzerte werden hoffentlich auch nicht verschwinden. Was glaubst du, suchen Menschen heute, wenn sie zu einem Jazzkonzert kommen? Wahrscheinlich etwas sehr Einfaches: ein Erlebnis, das ihnen ein gutes Gefühl gibt! Ich erzähle dazu gerne eine Geschichte. Ich bin einmal mit einem Freund nach Seattle gefahren, um Dexter Gordon zu sehen. Er war überhaupt kein Jazzfan, aber ich war in Tränen aufgelöst, völlig überwältigt: „Oh mein Gott, es ist Dexter Gordon!“ Das Einzige, was mein Freund danach zu sagen hatte, war: „Mann, er sah so cool aus da oben.“ Zuerst war ich beleidigt. „Was ist mit der Musik?“ Und er: „Ich verstehe diese Musik nicht, aber ich hatte eine gute Zeit. Warum verurteilst du das?“ Da wurde mir klar: Er war zufrieden. Er hat es zwei Stunden lang richtig genossen, Dexter auf der Bühne zuzuschauen und seine Coolness zu bewundern. Diese Geschichte erdet mich. Egal, um welches Handwerk es geht, es hat etwas Faszinierendes, meisterhaftes Können zu beobachten. Selbst wenn man die Details nicht versteht, empfinden viele Menschen Liebe und Ehrfurcht gegenüber jemandem, der oder die sich etwas vollständig verschrieben hat. Einer Person dabei zuzusehen, wie sie etwas tut, das über Stunden und Jahrzehnte erlernt wurde, kann magisch sein und große Freude bereiten. Freude als Medizin Eingangs hast du auch schon von Freude gesprochen. Ist Freude hier ein verbindendes Element? Ja, absolut. Menschen haben nach Freude gesucht, als diese Musik entstanden ist, die wir Jazz nennen. Man findet sie in Gospel, Jazz, Samba, afro-kubanischer Musik, in jeder Musik, die aus dem Überlebenskampf unter unüberwindbarer Unterdrückung hervorgegangen ist. Es braucht enorme Kraft, um sich innerhalb dieser Brutalität und Tragik besser zu fühlen. Wenn wir also Generationen später Bud Powell, Charlie Parker, Scott Joplin und andere hören, profitieren wir von dieser Potenz. Selbst ohne die Geschichte zu kennen, spüren wir diese Freude. Es ist wie eine sehr starke Glückspille. Klar, denn um sich in diesen Tiefen besser zu fühlen, musste sie stark sein. Wenn das Leben brutal ist, muss die Medizin stark sein. Menschlich bleiben Was hilft dir in unserer beschleunigten Welt, mit deiner Menschlichkeit verbunden zu bleiben? Musiker*innen haben einen eingebauten Schutz. Um unser Handwerk zu erlernen, verbringen wir so viel Zeit mit unseren Körpern, unseren Instrumenten, miteinander, in der Zeit und an dem Ort, an dem wir sind. Diese Anforderung hält unsere Verbindung zu unserem inneren und äußeren Erleben aufrecht. Und ich lebe an einem sehr grünen Ort. Das hilft ebenfalls. Portland hat außerdem ein sehr menschliches Tempo. Die Leute nehmen sich Zeit, sprechen im Café mit dir, fragen nach deinem Tag. Manchmal ist das fast nervig, aber es erinnert dich daran, dass du Teil eines gemeinsamen Rhythmus bist. Über Freundschaft und Reibung Freundschaft scheint in deinem musikalischen Leben wichtig zu sein. Ist sie notwendig? Man braucht Freund*innen, aber nicht immer. Ich habe in Bands gespielt, in denen ich mit manchen nicht gut ausgekommen bin. Aber Reibung kann Energie erzeugen, wie Elektrizität. Selbst wenn die soziale Dynamik schwierig war, konnte diese Reibung schöne Energie in der Kunst freisetzen. In meinem jetzigen Lebensabschnitt, besonders auf Tour, umgebe ich mich allerdings bewusst mit Menschen, zu denen ich ein freundschaftliches Verhältnis habe, einfach weil es eine so intime Situation ist. Vielen Dank für das Gespräch. Danke, dass wir über meine Musik sprechen konnten. Wir sehen uns beim Festival! ❚ „Ich verstehe die Musik nicht, aber ich hatte eine gute Zeit. Warum verurteilst du das?“ „Es braucht enorme Kraft, um sich innerhalb der Tragik des Überlebenskampfes besser zu fühlen.“ Fabian Junge ist Politik- und Musikwissenschaftler, Saxophonist und verantwortet die Kommunikation beim Jazzfest Bonn. KONZERT TICKETS AB SOFORT ERHÄLTLICH 22 25 APRIL FACHMESSE & FESTIVAL BREMEN GRAND OPENING 22 APRIL ABENDS DEUTSCHER JAZZPREIS 25 APRIL ABENDS 20 YEARS Gefördert von FESTIVAL HIGHLIGHTS • 22. APRIL GRAND OPENING Norrbotten Big Band & KNOWER mit weiteren Sologästen aus Schweden • 23. – 25. APRIL 38 internationale Showcases, Bands aus über 20 Ländern auf 3 Bühnen • 24. – 25. APRIL CLUBNIGHT 1 Ticket • 2 Nights • 45 Clubs inkl. Bus & Bahn in Bremen und Bremerhaven PARTNERLAND SCHWEDEN INFORMATIONEN MESSETEILNAHME ▶ KONZERTTICKETS ▼ jazzahead.de
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