zettbe: das magazin zum jazzfest bonn 2026

Dort kam Sommer auch zu seinem Namen: „Ich probierte gerne neue Dinge am Schlagzeug aus und der Lenz sagte, du glaubst wohl, du bist der Baby Dodds*, woraufhin die anderen sagten, nein, das ist der Baby Sommer.“ Das war Anfang der Siebzigerjahre. Sommer und Gumpert waren Anfang zwanzig und suchten nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Beginnend mit wildem, energetischen Jazzrock in der Band SOK, dann immer freier in Gumperts Workshop Band, im Free-Jazz-Ensemble Synopsis (später Zentralquartett) und – verdichtet – in ihrem Duo. Zwischen Subversion und staatlicher Duldung Wie war die Situation damals für den Jazz? „Unsere Spielstätten waren meistens Studentenclubs der TU Ilmenau oder der Universität Rostock. Wir bewegten uns ja im nonverbalen Raum, da hatten wir ziemlich viel Freiheit.“ In den Fünfzigerjahren sei Jazz als imperiale Musik des Westens abgelehnt worden. Das änderte sich mit der Schwarzen amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, fortan akzeptierte ihn die DDR-Führung als kulturellen Ausdruck „des unterdrückten Proletariats“. Zum Jazz kommt der 1943 in Dresden geborene Baby Sommer in seiner Heimat Radebeul, als er mit zwölf Jahren bei den Radebeuler Tanzrhythmikern spielt. Nachts hört er heimlich im Radio Voice of America. „Da hörte ich zum ersten Mal Jazz. Louis Armstrong und die wunderbaren Bigbands, Art Blakeys Jazz Messengers oder Charles Mingus. Das war eine Musik, die ich natürlich überhaupt nicht verstanden habe, aber die etwas ganz anderes war als das, was im Gleichschritt der FDJJugendlieder daherkam.“ Jazz als Soundtrack der Wende In den frühen Siebzigerjahren kommt es in Ostberlin zu Begegnungen mit Musiker*innen aus dem Westen, wie mit Peter Brötzmann, Irène Schweizer oder dem Trompeter Wadada Leo Smith. Sommer selbst konnte ab 1979 auch offiziell reisen. „Wir wurden ja gegen Devisen in den Westen exportiert“, erklärt er. Ihr freier Jazz ist der Soundtrack für die sich abzeichnende Wende, zu Tausenden kommt das Publikum zu ihren Konzerten. 1989 ist Sommer bei den Montagsdemonstrationen in Dresden dabei, spricht selbst vor der Menge. Als die Mauer fällt, ist es überwältigend. Gleichzeitig aber auch ein kultureller Umbruch. Die Leere nach dem Mauerfall „Zuerst war da diese komprimierte, revolutionäre Protesthaltung. Doch ohne die DDR war die Luft raus. Der Staat war als Angriffsfläche Tankstelle für den eigenen künstlerischen Ausdruck gewesen, doch jetzt war die Tankstelle ausgetrocknet. Das Publikum, für das Free Jazz ein Soundtrack des Widerstands gewesen war, war nicht mehr da.“ Und er erklärt: „Die gesamte kulturelle Landschaft gab es plötzlich nicht mehr. Die Theater waren leer, die Konzertsäle waren leer, Kinos waren leer, alles war leer, weil alle Welt nur noch in Richtung Westen unterwegs war.“ Er selbst hatte durch seine Konzerte im Ausland ein Netzwerk aufgebaut und konnte weiterhin spielen, begann eine Professur an der Dresdner Musikhochschule und entwickelte neue Projekte. Doch viele talentierte DDR-Musiker hatten Schwierigkeiten, im wiedervereinigten Deutschland Fuß zu fassen. Auch heute sieht Sommer noch gesellschaftliche Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Selbst im Jazz fehle ein einheitliches Bewusstsein, etwa bei der Vergabe von Jazzpreisen oder in Darstellungen über Jazz in Deutschland. Die Gelassenheit des Spätwerks Dennoch bleibt er positiv, auch weil er auf ein großes Gesamtwerk zurückblicken kann. Über sein Duo mit Uli Gumpert sagt er: „Wir sind beide in dem Alter, wo wir mit großer Gelassenheit unser eigenes Museum besuchen können. Wir müssen die Leute nicht mehr überzeugen. Wir werden ein paar Juwelen aus unserem Schatzkästchen benutzen und trotzdem noch zeitgenössische Lebendigkeit beweisen. Mit immer noch den offenen Türchen zur freien Improvisation hin, denn das bleibt der Nährboden unserer Musik.“ 43 42 * legendärer Schlagzeuger des frühen Jazz Theresia Philipp und Sebastian Scobel: Neue Generation und Rückkehr zum Kern Während Baby Sommer Jazz als gelebte Opposition in einem autoritären System erfuhr, scheinen politische und künstlerische Freiheit heute selbstverständlich. Gerade deshalb lohnt es, die nächste Generation zu befragen. Die Saxophonistin Theresia Philipp wurde kurz nach der Wende geboren, 1991 in der Lausitz, in Großröhrsdorf bei Dresden. Die seit 2025 erste Frau in der Leitung des Bundesjazzorchesters kam über den örtlichen Spielmannszug zur Musik, der von ihrem Vater geleitet wurde. Den 1987 geborenen Pianisten Sebastian Scobel kennt sie aus ihrer gemeinsamen Zeit am Musikgymnasium in Dresden und dem anschließenden Studium in Köln. Sie haben bereits in mehreren Projekten zusammengespielt, beim Jazzfest Bonn werden sie jedoch zum ersten Mal im Duo auftreten. „Nach vielen Jahren gemeinsamer musikalischer Geschichte ist dieses Duo für uns eine bewusste Rückkehr zum Kern: zuhören, reagieren, Raum lassen und gemeinsam etwas entstehen lassen, das sich zwischen Komposition, Improvisation und persönlicher Erzählung bewegt“, erzählt sie im Interview. „Es geht viel um Vertrauen, um Herkunft und um das Spiel mit offenen Formen. Wir spielen Kompositionen von uns beiden. Wir kennen uns seit 20 Jahren, machen seitdem Musik, komponieren auch gemeinsam, wie für Symphonieorchester, aber haben noch nie ein Duokonzert gespielt, deshalb ist es auch wirklich eine besondere Premiere für uns.“ Theresia Philipps Themen reflektieren Feminismus und die fortdauernde Auseinandersetzung mit ihren ostdeutschen Wurzeln. „Ich denke, Musik spielt eine extrem große Rolle in der Gesellschaft. Für mich ist Musik auch immer politisch, sie hat immer eine Botschaft.“ Jazz sieht sie als ihre musikalische Heimat, vor allem im Sinne von Freiheit. Dennoch sei diese Musik „als weiße Frau aus Sachsen“ nicht ihre kulturelle Herkunft. ➜

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