zettbe: das magazin zum jazzfest bonn 2026

Plötzlich „Ossi“ Philipp und Scobel sind in Ostdeutschland geboren. Gab es ähnliche Erfahrungen? „Ich komme aus einer typischen DDR-Arbeiterfamilie vom Dorf und er kommt aus einem akademischen Musikerhaushalt in Dresden“, so Philipp. „Aber es war so, dass wir uns als gesamtdeutsch empfunden haben, bis wir nach Köln kamen und plötzlich eine ostdeutsche Identität hatten.“ Dieses Gefühl, dass sie als „Othering“ beschreibt, habe sich zwar verändert, da zum Studieren mittlerweile viele aus dem Westen nach Dresden und Leipzig kommen, doch noch immer gebe es Hierarchien. „Ich kenne die DDR ja nicht, weil ich nach der Wende geboren wurde, aber ich bin ostdeutsch sozialisiert. Auch wenn ich mich inzwischen in Köln zu Hause fühle, da ist beides in mir drin.“ So beschäftigt sie sich mit der Geschichte ihrer Familie, die als Spätaussiedler aus Polen kamen, aus dem ehemaligen Schlesien. Der Geschichte des Ortes, in dem sie aufgewachsen ist. „Das kann man sich individuell angucken, aber auch als kollektive Erfahrung dieser gesamten Generation.“ Ein vergessenes Kapitel Jazzgeschichte Lange war ihr die Bedeutung des DDR-Free-Jazz nicht bewusst. Zwar spielte sie in Dresden im Saxophonorchester von Friedrich Schönfeld, aber die Geschichte dieser Musik wurde nicht gelehrt. Auch nicht, dass sie im Widerstand eine wichtige Rolle gespielt hatte. „Von da aus habe ich mich mehr damit beschäftigt, fand es inspirierend, darüber noch mal an meine ostdeutsche Herkunft anzudocken“, so Philipp. Auch mit Baby Sommer und Ulrich Gumpert, die sie als Legenden sieht, aber bisher noch nicht persönlich kennengelernt hat. In ihrer Musik sind ihr Offenheit, Weite und Stärke wichtig, aber auch Störelemente. „Denn so ist es ja auch im Leben“, erklärt sie. Ihre aktuelle Position im Bundesjazzorchester sieht sie als Chance, ihre Erfahrungen weiterzugeben. „Als Musikerin, Komponistin und Ostdeutsche.“ So wird der Abend zu Geschichte, die in die Gegenwart und Zukunft reicht. Als Erzählung von Humor und Zärtlichkeit, von Erinnerung und Erneuerung. ❚ 44 45 Maxi Broecking ist als Journalistin für DIE ZEIT, taz, Jazz thing, Fono Forum, Neue Zeitschrift für Musik, SWR und ByteFM sowie THE ART:IST zu den Themen Jazz, Improvisierte Musik und Zeitgenössische Kunst tätig. Im Dezember 2025 hat das Haus der Geschichte die neue Dauerausstellung Du bist Teil der Geschichte. Deutschland seit 1945 eröffnet. Am Konzerttag lädt das Haus das Jazzfest-Bonn-Publikum zu zwei besonderen Zusatzangeboten ein: 17:30 Uhr: Begleiteter Rundgang durch die neue Dauerausstellung Das Haus der Geschichte bietet Ihnen einen kostenfreien Rundgang durch die neue Dauerausstellung. Entdecken Sie deutsche Zeitgeschichte neu – interaktiv, alltagsnah und persönlich. Die Ausstellung zeigt, wie historische Ereignisse, politische Entscheidungen und individuelle Lebenswege seit 1945 miteinander verwoben sind und bis heute wirken. Anmeldung zum Rundgang über den QR-Code oder über www.jazzfest-bonn.de/rundgang ca. 20:45-21 Uhr: Drei Fragen an Theresia Philipp und Günter Baby Sommer: Wie viel Politik und Geschichte stecken im Jazz? Wie sehr prägen eigene Erfahrungen und Herkunft das künstlerische Tun? Im Talk mit Günter Baby Sommer und Theresia Philipp befragt Ausstellungsdirektor Dr. Thorsten Smidt zwei Generationen deutscher Jazzmusik. Ein Gespräch über die eigene Musik, Vorbilder und historische (Grenz-)Erfahrungen. Informationen zur neuen Dauerausstellung: www.hdg.de Günter Baby Sommer mit Ulrich Gumpert und Theresia Philipp mit Sebastian Scobel beim Jazzfest Bonn 2026: Samstag, 25. April 2026, 19 Uhr Haus der Geschichte Das Jazzfest Bonn zu Gast im Haus der Geschichte

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