zettbe: das magazin zum jazzfest bonn 2026

46 47 Vier Instrumentalist*innen, zwei Generationen: Während sich John Scofield und Rabih Abou-Khalil in den Rock-versessenen Siebzigerjahren ihren Weg bahnen mussten, wurden Lau Noah und Rob Luft in den Neunzigern geboren – mit einer Vielzahl an Möglichkeiten, aber auch unter enormem Druck. Sie alle überschreiten musikalische Grenzen und entziehen sich klassischen GenreEtiketten. Jan Paersch portraitiert die vier Saitenkünstler*innen und fragt: Wie erreichen sie Gelassenheit in einer dauerhaft erregten Welt? Ge l a s s e n e Sa i t e n Das ist eines dieser Zitate von Miles Davis, die immer wieder gern angeführt werden. Das visionäre Genie des verstorbenen Trompeters! Tatsächlich ist die Verinnerlichung dieser Weisheit ein Anzeichen, um die guten von den großartigen Musiker*innen zu unterscheiden. Großartige Musiker*innen wissen genau, wo sie sich zurückzuhalten haben, um die Wirkung der gespielten Noten zu steigern. Sie haben einen sofort erkennbaren, unverwechselbaren Sound. Und: Sie sind nie zufrieden, sondern streben immer weiter nach der doch eigentlich unerreichbaren Perfektion. Doch da ist noch ein scheinbar gegensätzlicher Punkt, der manchmal übersehen wird: Gelassenheit. Vier Musiker*innen, eine Gemeinsamkeit: Gelassenheit Die vier Ausnahmekünstler*innen, von denen in diesem Text die Rede sein wird, wuchsen in vier unterschiedlichen Ländern auf, in teils sehr verschiedenen Zeiten. John Scofield und Rob Luft sind zwei der profiliertesten elektrischen Jazzgitarristen der Gegenwart. Lau Noah hat eine verblüffende Technik auf der akustischen Gitarre entwickelt, autodidaktisch. Und Rabih Abou-Khalil ist einer der führenden Improvisateure auf der Oud, der arabischen Kurzhalslaute. Bei allem Ehrgeiz, zuweilen auch Geltungsdrang, eint sie eine Eigenschaft: Gemütsruhe. Ihre jeweils früh erkennbare Qualität als Instrumentalist*in mag dabei geholfen haben, auf anhaltenden Erfolg und die Zuwendung des Publikums zu vertrauen. Aber womöglich ist da noch mehr: ein gefasstes Selbstvertrauen, von Beginn an. Es ermöglicht eine Verbundenheit mit sich und dem Instrument, die nur großartige Musiker*innen haben. „Donʼt play whatʼs there. Play whatʼs not there.“ Zum Jazzfest Bonn kommt John Scofield am 1. Mai mit Gerald Clayton, dem langjährigen Pianisten seiner Combo 66, ins Opernhaus. Ein Duo, quiet and loud, einfach unberechenbar. JOHN SCOFIELD Das Nervensystem überlisten Scofield, geboren 1951, war selbst noch mit dem Über-Jazzer Miles Davis auf Tour, fast vier Jahre lang. Schon zuvor hatte er mit Legenden wie Gary Burton und Charles Mingus gespielt. Seine ursprüngliche Liebe galt dem Rock und dem Blues – „aber ich konnte nicht singen, ich musste also Jazz machen“, erzählte er einem Radiosender über die Zeit vor seinem Bostoner Musikstudium. „Mit der Gitarre singen“ – das etablierte er auf seiner Ibanez vor allem ab den Neunzigerjahren, auf Alben, die seine alte Verbundenheit zu Rock, Blues und Soul zeigten. Auf dem Ray-Charles-Tribute That‘s What I Say übernimmt sein Instrument teils gar die Gesangsmelodie des großen Soul-Sängers. Typisch: Scofields leicht rauer Ton, sein charakteristisches Vibrato, im Post-Bop grundiert, und dabei ungemein melodisch. Ein Stil, der nach Sekunden erkennbar wird. Scofield hat von den hier Portraitierten vielleicht am längsten zur Gelassenheit gebraucht. In Interviews erzählt der dreifache Grammy-Gewinner häufig, wie anstrengend das Komponieren für ihn ist: „Du schreibst etwas, und es ist Mist. Am nächsten Tag schreibst du etwas, und es ist wieder Mist. Aber das Gefühl, wenn du es dann doch zu Ende bringst – ‚there’s nothing like it‘.“ John Scofields ausgeruhtes Album Quiet erschien, als er schon 45 war. Es ist das einzige, auf dem er durchgehend Akustik-Gitarre spielt. „Erst jetzt habe ich das Gefühl, dass ich tatsächlich auch eine Ballade spielen kann“, sagte „Sco“ damals. „Das Geheimnis, langsam und gut zu spielen? Versuch so zu tun, als wäre dein Nervensystem das eines wirklich entspannten alten Mannes, und nicht das der nervösen Menschen, die wir eigentlich sind.“ ➜

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