zettbe: das magazin zum jazzfest bonn 2026

LAU NOAH Frei wie Harry Potter Lau Noah wurde 1994 im spanischen Katalonien geboren. Sie ist laut Jacob Collier „eine der außergewöhnlichsten Geschichtenerzählerinnen der Welt.“ Als Teenager spielte sie Klavier, verehrte Bill Evans und Chet Baker, aber auch DisneySoundtracks. Mit 100 Dollar in der Tasche kam die 19-jährige Lau Noah in die USA und arbeitete als Kellnerin. Eine klassische New Yorker Künstlerinnenexistenz. Im Apartment ihres Freundes war die Gitarre das einzige Instrument. Noah wollte so gut spielen können, wie er es konnte; „Gitarre sprechen“ lernen. Also brachte sie es sich selbst bei. Nach nur drei Jahren wurde der Produzent der berühmten Tiny Desk Concerts auf Noah aufmerksam. Er lud sie zu einem Solokonzert ein – und ihre Karriere hob ab. Gleich auf ihrem ersten Album sind Star-Gäste wie Shai Maestro und Cécile McLorin Salvant zu hören. Lau Noah begleitet sich stets selbst, verbindet Gesang und Akustikgitarre kontrapunktisch. Sie selbst nennt ihren Mix aus klassischen, Latin- und Jazz-Elementen „Barock-Folk“. Gitarre spielen bedeutet für Noah Freiheit, „wie für Harry Potter, wenn er den richtigen Zauberstab findet – ein Moment, in dem alles möglich scheint.“ Wie erreicht sie Gelassenheit? Lau Noah zitiert ihr Vorbild Manolo Sanlúcar: „Ich versuche, mein Leben so zu leben, dass ich, wenn ich mich im Spiegel sehe, meinen Blick niemals senken muss.“ 49 Es fängt schon beim Namen an! Der, die oder gar das Oud? Übersetzt aus dem Arabischen heißt „oud“ einfach „das Holz“. Trotzdem hat sich im Deutschen „die“ Oud eingebürgert für das wohl prominenteste orientalische Instrument, eine meist elfsaitige Knickhalslaute, die man in verschiedenen Bauweisen und mit abgewandelten Techniken von Marokko bis Indonesien, also im ganzen islamischen Raum, spielt. Klar, Rabih Abou-Khalil hat sie mit Esprit und komplexen Arrangements im Jazz vor allem in Deutschland seit den Achtzigerjahren heimatlich gemacht. Die Oud im Jazz gab es aber schon so früh wie 1959 in New York, als Art Blakey≠s Bassist Ahmed Abdul-Malik für das Album East Meets West zur Oud griff. Seitdem ist sie nicht nur Ensemblemitglied, sondern Protagonistin herausragender Jazzproduktionen, vom Tunesier Anouar Brahem bis zum palästinensischen Trio Joubran, wo sie gleich dreifach vertreten ist. Zum Nachhören: Die Oud im Jazz I Rabih Abou-Khalil: Arabian Waltz I Anouar Brahem: The Astounding Eyes Of Rita I Le Trio Joubran: Masâr Die Oud hören Sie bei der Rabih Abou-Khalil Group am 8. Mai in der Kreuzkirche Jan Paersch ist freier Journalist und Moderator aus Hamburg. Er arbeitet für taz, DIE ZEIT und verschiedene Print-Magazine, darunter Hinz&Kunzt und Jazz thing. Für DLF, DLF Kultur und NDR moderiert und produziert er regelmäßig Beiträge, für NDR Blue die Indie-Sendung Nachtclub Raw. AUTHOR’S PICKS Mit Jan Paerschs höchst subjektiver ___ Auswahl _____ kann man vier der vielen Saitenkünstler*innen im JazzfestBonn-Programm kennenlernen. JOHN ________________________________ SCOFIELD A GO GO (1992) Scofield hat in seiner Karriere viele Funk-lastige Alben veröffentlicht, doch A Go Go, in Kollaboration mit dem JamBand-Trio Medeski Martin & Wood, ist der Höhepunkt. „Nasty“ nennt der Fan diese schrägen Harmonien und lässig gedehnten Töne, dazu die fauchende Hammond-Orgel, zuweilen angelehnt an Second-Line-Rhythmen aus New Orleans. Locker und voller Spielfreude, doch nicht bloß ein loser Funk-Jam. RABIH ___________________ ABOU-KHALIL BLUE CAMEL (1992) Die Plattform Allmusic bezeichnete Blue Camel als ein „neues Kind of Blue, zugleich spannungsgeladen und nachdenklich.“ Für die für Abou-Khalil typische, nahtlose Verschmelzung von Jazz und arabischer Musik sorgt ein brillantes Septett. Der Bandleader spielt Soli alternierend mit Altsaxophonist Charlie Mariano und Trompeter Kenny Wheeler. Ein grandioses Late-Night-Album und ein rhythmisches Meisterwerk. LAU _______________________________________________ NOAH A D O S (2024) Die Raffinesse dieser Musik erschließt sich erst beim genauen Hinhören: ineinander verschlungener, zweistimmiger Gesang, Noahs einzigartige Polyphonie zwischen Stimme und Gitarre sowie eine lange Liste illustrer Kollaborationen – von Jacob Collier bis Cécile McLorin Salvant – machen das Debüt der Katalanin zu etwas ganz Besonderem. Komplex, ohne anstrengend zu sein, herzerwärmend und berührend. ROB _______________________________________________ LUFT R I S E R (2017) Das umwerfende Debüt des damals gerade einmal 23-jährigen Gitarristen ist ein von westafrikanischen bis keltischen Klängen beeinflusster Sturm und Drang, ganz ohne Klischees. Virtuos gespielt und getragen von der Leichtigkeit seiner Band, macht dieses Album immer wieder Freude. Was tönt denn da? Rob Luft mischt westafrikanische Rhythmen und Folk in sein Spiel; sein Stil mit viel Pedal-Verfremdung wurde mit dem etlicher Gitarren-Größen verglichen – doch den von ihm gern verwendeten Delay-Effekt hat er sich von Brian Enos Ambient-Klassiker Music for Airports abgeschaut, ein erstes Karriere-Ausrufezeichen setzte er 2015 auf einem TangoNuevo-Album. Seitdem gab es Alben mit stetig wechselnden Besetzungen, im Duo-, Trio- und Quartett-Format. Im Sommer veröffentlicht Luft mit seiner neuen skandinavischen Gruppe sein erstes Bandleader-Album beim renommierten Label ecm – davor schon ist diese Musik beim Jazzfest Bonn zu hören. Rob Lufts zweites Album erschien bereits 2020: Life Is The Dancer. Ein Titel, der auf dem Zitat „Das Leben ist ein Tänzer, und du bist der Tanz“ aufbaut. Luft hat es Gelassenheit gelehrt. „Oft ist es am besten, mit dem Flow zu gehen. Bestimmte Dinge kannst du nicht kontrollieren. Akzeptiere es und sei im Moment. Das ist ein positives Gefühl für die schwierige Zeit, in der wir uns gerade befinden.“ ❚ ROB LUFT „Sei im Moment!“ Rob Luft ist der jüngste in diesem Quartett der Saiten-Stars, er wurde 1993 in London geboren. Ein Musikfreak par excellence. Die Gnade der späten Geburt ermöglichte ihm ein Studium der diversesten Stile. „Ich war nicht der Coolste in meiner Klasse, aber die Verbindung zum Jazz hat mir als Teenager wirklich geholfen“, erinnert sich der Engländer. Er wuchs mit Radiohead und Nirvana auf, aber auch mit Astor Piazzolla, dazu kamen die Platten seines Stiefvaters: McLaughlin, Mingus, und natürlich Miles (In a Silent Way). Für Luft besitzen die „Sheets of Sound“ in Coltranes My Favorite Things dieselbe Kraft wie Kurt Cobains EGitarren-Solo in Come As You Are. Oud RABIH ABOU-KHALIL Stetige Veränderung Rabih Abou-Khalil gehört zur gleichen Generation wie Scofield, wurde aber 1957 in Beirut geboren. Mit 20 musste er vor dem libanesischen Bürgerkrieg nach München fliehen. Dort studierte er zunächst Querflöte, ehe er sich wieder dem lautenähnlichen Instrument mit sechs Saiten widmete, das er schon als Kind spielen konnte: der Oud. Aus der arabischen Musikkultur ist das Instrument seit vermutlich Jahrtausenden nicht wegzudenken. Ohne Oud ist die westliche Gitarre kaum vorstellbar. Abou-Khalil spielt sie wie kein anderer, humorvoll und melancholisch, in vor ungeraden Metren berstenden Kompositionen. „Abou-Khalil experimentiert nicht, er sucht“, schrieb der Journalist Geoff Dyer einst. „Es ist eine rhythmusgetriebene, in Tradition getränkte Suche.“ Die Begriffe „Multikulti“ und „Weltmusik“ hat der Musiker, der heute in Frankreich lebt, schon oft gehört – sie spielen für ihn keine Rolle. „Alles, was ich sehe und fühle, beeinflusst mich. Ich hatte keinen Plan, bewusst etwas Multikulturelles einzubringen. Ich habe einfach mit Musikern gearbeitet, mit denen ich arbeiten konnte. Sie kamen zufällig aus allen möglichen Teilen der Welt.“ Abou-Khalils Gelassenheit mag auch daher rühren, dass er schon so viel Glück und Unglück gesehen hat. Vergänglichkeit ficht den Mann nicht an: „Selbst wenn du versuchst, die Musik so zu behalten, wie sie ist – sie bleibt nie gleich. Alles verändert sich.“ Rabih Abou-Khalil tritt am 8. Mai in der Kreuzkirche einmal mehr mit einer neuen Band auf, mit Violine, Cello und dem langjährigen Perkussionisten Jarrod Cagwin. Lau Noah spielt am 26. April im Collegium Leoninum. Solo, an Gitarre und Piano, führt sie ihre verblüffende Spieltechnik und melancholisch-eingängige Songs auf. Rob Luft tritt am 23. April im Bonner Pantheon mit Bassist Jonas Westergaard und Schlagzeuger Jon Fält auf – exklusiv vor Veröffentlichung seines kommenden ecm-Debütalbums als Bandleader. Ein klassisches ecm-Trio, filigran, atmosphärisch dicht und voller brillanter Klangdetails. 48

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